Blumfeld-Album "Verbotene Früchte" : Distelmeyers Tierleben

Weltflucht als Programm: Blumfeld entdecken auf ihrem neuen Album die Natur

Kai Müller

Als die Trompete einsetzt, denkt man: Jetzt hat er den Verstand verloren. Muss es wirklich auch noch eine Trompete sein? Reicht es nicht, dass der erste Song der neuen Blumfeld-Platte, die in dieser Woche erscheint, von Schneewehen handelt, vom Briefträger, der sich seinen Weg durch die Froststarre bahnt, vom Nachbarn, der Salz auf spiegelnde Gehwege streut – und von Sänger Jochen Distelmeyers eigenen Schreibblockaden, die Gedankenschnee auf das weiße Papier vor ihm rieseln lassen? Ein Erschauern hat den Hamburger Liedermacher angesichts dieser Kälte erfasst, so ergriffen ist er vom „weißen Kleid“ der Landschaft, dass er die Zeilen mit zittrigem Tremolo ausmalt. Schließlich inspiriert ihn die Winterkulisse zu dem Satz: „Ich mach mir meinen Reim und singe, was ich seh.“ Himmel, ja!

„Verbotene Früchte“ heißt das sechste Blumfeld-Werk, und es präsentiert die über Jahre als „wichtigste deutschsprachige Band“ gefeierten Hamburger als versponnene Wandervogel-Truppe. Die sucht ihr Heil in einer gigantischen poetischen Umarmungsgeste, einer Art Distelmeyerschem Tierleben, in dem Krähen hacken, Igel tapsen, Füchse tollen, Bienen Honig schenken und der Tiger durch den Dschungel streicht. Mit dem Blick des Naturlyrikers versucht Distelmeyer jene Geschöpfe für die Popwelt zu gewinnen, die dort, wenn überhaupt, nur als Fabelwesen Zugang haben. Den vielen Flügeltieren, die in dem Song-Universum den Luftraum bevölkern, schaut er zunächst nur hinterher. Aber am Ende wird er sagen: „Ich fliege mit den Raben.“

Das ist kein Witz und auch nicht witzig gemeint. Vielmehr unterzieht der 39-jährige Popstar und Miterfinder des deutschen Diskurs-Rock sein Publikum erneut einer schweren Prüfung. Wen nicht schon 1999 seine Hinwendung zum Schlager-Genre („Tausend Tränen tief“) irritiert hat, der könnte sich nun mit Grausen von einer Platte abwenden, auf der es nach Ansicht ihres Schöpfers „um alles geht, was an Wirklichkeit, Welt einen umgibt und zwischen den Dingen besteht“. Denn wo es um alles geht, da geht es um nichts. Da verflüchtigt sich, was man von Pop-Platten erwartet. Dass sie ein Lebensgefühl an Musik koppeln, einem den Rücken stärken, vielleicht zu einer Haltung verhelfen und Sätze wie „Mein System kennt keine Grenzen“ über den Rang einer Bemerkung hinausheben. Pop ist mehr als ein lyrisches Experiment.

Für die Generation derjenigen, die mit Blumfeld ihre intellektuelle Sozialisation verknüpfen, war der Satz schon immer richtig. Man fand ihn auch bei Heiner Müller: „Mein Platz wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber.“ Aber es bedurfte des Songs auf dem umstrittenen Blumfeld-Album „Old Nobody“, um aus der theoretischen Debatte um Denkschranken, Parteinahmen und Vereinnahmungen eine Flammenschrift zu machen. Dergleichen findet sich auf „Verbotene Früchte“ nicht mehr. Überlebt hat lediglich der Reflex, aus der Musik mehr herauszuhören als die Worte hergeben. Ist die Weltflucht vielleicht die letzte politische Bastion? Was ist aus dem furiosen Zorn über die „Diktatur der Angepassten“ geworden? Gibt es keine Gründe mehr, sich über den Stumpfsinn zu erregen?

„Mich interessierte die Frage, was passiert, wenn wir irgendwelche Möwen, die selbst über keinerlei Geschichte verfügen, beobachten und zum Teil unserer Erzählung machen“, sagt Distelmeyer auf die Frage, ob seine Naturanbetung nicht reichlich eskapistische Züge trägt. „Ich fand sehr einleuchtend in der Joseph-Conrad-Verfilmung ,Apocalypse Now’, wie Marlon Brando am Ende dasitzt und sagt: ,Ich habe das Grauen gesehen.’ Ein sehr gelungener Kommentar auf die unseren Blick auf die Welt fundierende romantisch-technokratische Perspektive. Denn genau mit dieser Erwartung, die Colonel Kurtz an den Dschungel stellt – ich gucke da hinein, befrage die Wildnis nach einem Sinn für mein Tun – scheitert er komplett. Der ,Horror’ ist, dass die Natur nicht antwortet. Maximal: Pchuiii- huiii- huiii.“

Distelmeyer kann Vogelgezwitscher gut nachahmen. Der schmallippige Mann, dessen Gesichtszüge von einer unergründlichen Disziplin und Trauer geprägt sind, war noch nie von dieser Welt. Deshalb mag die Entdeckung der Natur für ihn eine Sensation darstellen. Uns irdische Zyniker berührt sie peinlich. Und es hilft auch nicht, einen Song wie „Tiere um uns“ mit dem Hinweis erläutert zu bekommen, dass es darin um „menschliche Zivilisationstechniken“ geht. „Wenn es ein Video zu dem Song gäbe“, sagt Distelmeyer, „könnte die Kamera an einer Fleischtheke entlangschwenken oder tote Schwäne vor Rügen zeigen.“ Ob solche Bilder von Massentierhaltung und -schlachtung bei ihm Empörung auslösen? „Puhh“, die Antwort. Er habe das nicht bewerten wollen.

Distelmeyers Bedürfnis, in Ordnungen zu denken, statt Meinungen zu verbreiten, ist berüchtigt. Ihm verdankt er seine stärksten Lieder. Und so möchte man seine neuen Stücke auch als hintergründige Versuchsanordnungen lesen, die ihr Geheimnis erst auf den zweiten Blick preisgeben: „Der Apfelmann“, ein einfältiges Loblied auf einen Obstbauern, ist einfach zu kurios, um es ernst zu nehmen; „Heiß die Segel“, ein erschreckend konventionelles Seemannslied, zeigt, wie verbraucht das Maritime als Mythenreservoir ist; und ein Schwank wie „Der sich dachte“ stellt das eigene Leben nach dem alten Goethe-Schema als ewige Bildungsreise aus. Allein, es ist vergeblich. Um das nicht betulich zu finden, müsste man Songs wie „Schmetterlings Gang“, eine Acid-getränkte, von Sitar-Girlanden umrankte Sommerhymne, schon mit Gewalt gegen den Strich lesen.

Die Akustikgitarre ist darüber zum dominanten Instrument geworden. Sie wird gezupft, geschrammelt und elektrisch verstärkt, doch verbreitet sie etwas gediegen Passives. Der Rest der zuletzt immer wieder umbesetzten Band holpert gemächlich durch die Beats. Gelegentlich klimpert ein Piano. Auf den langjährigen Produzenten Chris von Rautenkranz glaubte man verzichten zu können. Nur zweimal bäumen sich Blumfeld so energisch auf wie zu Beginn ihrer Karriere, als sie mit „Ich-Maschine“ (1992) und „L’Etat et moi“ (1994) aus dem verwirrten Entfremdungs-Ich ein wortgewaltiges Selbstfindungsmonster machten. „Tok, tok, tok, mein Mikrofon wird zur Lokomotive“, heißt es in „Strobohobo“. „Beam mich zurück nach Babylon/ Wo bleibt das Positive?“ Und der Bass von Lars Precht stürmt voran, Andre Rattay am Schlagzeug hämmert Seitenpfähle in den Boden und Vredeber Albrecht legt gleißende Synthesizer-Akkorde darüber. Auch in der Vorab–Single „Tics“, dem besten Song auf „Verbotene Früchte“, werden Gefühle durch einen Reflexionswolf gedreht, um sie sich vom Leib zu halten. Die Bilder wechseln so schnell, dass sie einander auffressen.

Das Dumme an der Popmusik ist, dass sie mit wachsender Lebenserfahrung nicht unbedingt klüger wird. So dürfen junge Künstler zwar reden wie alte Männer, die von ihren Schlachten erzählen, von den vielen Bettgeschichten und Niederlagen, aber irgendwann klingt ein Satz wie „die Wahrheit tut weh“ nur noch altklug. Distelmeyers Drama besteht darin, dass er heute die Dinge wirklich meint, die er früher schon gesagt hat. Reifer klingen sie deshalb nicht. „Eeeees gibt nur diese Welt“, heben er und seine Mitstreiter zu einem Beach-Boys-Choral an: „Wiiiir sind auf uns gestellt/ Jeeeeder auf seine Art/ Hiiieer in der Gegenwart.“ Ach, du lieber Himmel!

Blumfeld, „Verbotene Früchte“, kommt am 28. April bei SonyBMG heraus, am selben Tag spielt die Band im Berliner Postbahnhof, 20 Uhr.

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