Kultur : Blut am Ohr - Die Hesse komme!

Philipp Licherbeck

Der gemeine Hesse verdankt seine Identität einem Zufall. Irgendwann Anfang der Neunziger, während einer Feier der Rodgau Monotones ("Erbarme! Zu spät: Die Hesse komme") schauten die Jungs von der Band Flatsch vorbei. Henni Nachtsheim, Saxophon der Monotones, und Gerd Knebel, Sänger bei Flatsch, alberten ein bisschen rum und merkten, dass sie humortechnisch super zusammenpassten. Badesalz war geboren. Heute gehören die CDs des Duos neben Handkäs mit Musik und einem Bembel Äppelwoi zu den drei Dingen, die jeder echte Hesse mit auf eine einsame Insel nehmen würde. Zum Beispiel nach Berlin. Die HdK ist am Abend fest in hessischer Hand, man babbelt ungeniert wie daheim ("möschte se vielleischt noch e Katte kaufe") und schwelgt in Erinnerungen an die Zeit, als die Frankfurter Eintracht fast mal Meister war. Was Badesalz zu Kult macht, ist leicht gesagt. Der stämmige Knebel und der zarte Nachtsheim stehen zweieinhalb Stunden auf der nur mit Sackleinen abgehängten Bühne und tun nichts als: powerbabbeln. In immer grelleren Outfits und mit immer kühneren Perücken erzählen sie die Geschichten der kleinen Leute, der Prolls und Spießer aus Hanau, Offenbach und Sossenheim. Und weil so was in Deutschland mittlerweile gut ankommt, brüllen die Zuschauer schon los, wenn Knebel seinen Kollegen nur "Du Drecksau" nennt. Dabei ist Badesalz besser als der gewöhnliche Comedy-Scheiß. Ihre Miniaturporträts sind so krude, dass sie die hessische Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit verstümmeln. Und weil der Hesse sich in Berlin im Grunde einsam fühlt, werden Knebel und Nachtsheim gezwungen, bis spät in die Nacht von der Heimat zu erzählen. Bis einigen Blut aus den Ohren läuft.

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