Kultur : Blut ist im Turnschuh!

JÖRG KÖNIGSDORF

Daß dies keine der üblichen, harmlos märchenhaften "Cenerentolas" werden wird, kündigt sich schon während der Ouvertüre an.Bevor er zum Hausputz bei Familie Magnifico herüberzappt, blendet Nigel Lowery kurz eine szenische Reminiszenz an das Argentinien der Peron-Diktatur ein: Winkend stehen der General und seine Frau Evita auf einem Balkon, während darunter Soldaten in orangefarbener Paradeuniform auf drei hängende Mäntel anlegen.Ein Warnschuß an das Basler Publikum, Rossini / Ferrettis Geschichte vom "Trionfo della Bontß", dem Triumph der Güte, nicht zu trauen.

Lowery hatte den Baslern schon vor anderthalb Jahren eine bitterböse kannibalistische Variante von Humperdincks "Hänsel und Gretel" aufgetischt.Auch "Aschenputtel" malt die verwahrlosten Zustände bei Magnificos in aller Drastik aus: Cenerentolas böser Stiefvater ist ein brutaler Saufbold, der seine Töchter schikaniert und meist schnarchend auf dem verwarzten Sperrmüllsofa herumliegt.Wenn er sich später, zum Ball des Prinzen am Hofe, eine schwarze Mussolini-Uniform überstreifen wird, hat man ihn längst als gierigen (Haus-)Tyrannen kennengelernt, sein Festgewand steht ihm ebenso selbstverständlich wie den niederträchtigen Schwestern ihre billig-aufgedonnerten Siebziger-Jahre-Roben.Klar, daß in einer solchen Welt ein Prinz nicht mit Krönchen und Hermelinmantel daherkommt.Bei Lowery werden Prinz Ramiro und sein Diener Dandini zu Batman und Robin, Helden kindlicher Wunschträume, die aus ihrer Comicwelt herabgestiegen sind.

Für Momente sieht das dann wirklich so aus, als würde Lowery sein Vorhaben einer hintergründigen "Cenerentola" dem leichten Erfolg einer überdrehten Situationskomödie opfern.Wenn etwa Ramiros verstorbener Vater plötzlich aus dem mitgeführten Sarg steigt und sich in seinem Totenhemd an den nächsten Spielautomaten stellt.Wenn der Philosoph Alidoro, guter Geist des Stückes und hier ein etwas verlotterter Conférencier, eine Dame im Publikum hypnotisiert, um Cenerentola ihre Abendrobe zu verschaffen.Wenn die Orchestermusiker plötzlich aus dem Graben steigen und zum Finale des ersten Aktes auf einem mehrstöckigen Bühnenpodest weiterspielen.

Doch in Wahrheit behält Lowery seinen Grundansatz den ganzen Abend über im Auge.Der Scheintote versucht sein Glück am Automaten, so wie es fast alle den Abend über mit demselben Gleichmut tun werden - ohne daß selbst dieser schäbigste aller Erfolge sich für irgendeinen einstellen würde.Die Abendrobe der Besucherin ist natürlich das strahlendweiße Kleid Evita Perons - Cenerentola wird in ihm effektvoll ihre Showtreppe heruntergleiten, vom Orchester gerahmt wie von einer Vierziger-Jahre-Bigband.Doch es ist nicht weniger typisch für den Briten, daß er einer solchen lehrhaften 1:1-Umsetzung mißtraut, sie beständig durch Ironisierungen durchbricht.Da lüpft Cenerentola ihre Robe - und zeigt darunter ihre alten Adidas-Turnschuhe und bloßen braunen Beine, wo doch elegante Pumps und Nylons zu erwarten wären.Alle tragen im übrigen in diesem Schuhmärchen Turnschuhe und setzen allein dadurch einen verfremdenden Akzent.

Es spricht vielleicht am stärksten für die Größe dieser "Cenerentola", daß sie ihre Stringenz erst im Schlußbild voll entfaltet.Cenerentolas berühmtes Schlußrondo "Non più mesta", das meistens nur eine beziehungslos angehängte Bravournummer ist, erhält in Basel genau jenen Doppelsinn, den Rossini und sein Librettist Ferretti 1817 im Auge gehabt haben mögen, aber im reaktionären Klima des Kirchenstaates nur in verschlüsselter Form auf die Bühne bringen konnten: daß der Triumph der Güte doch eine Illusion ist, Gerechtigkeit ein unerfüllter Wunschtraum bleibt.Hier steht die vollends zur Evita gewandelte Cenerentola wieder auf ihrem Balkon, singt den ersten Teil ihrer Arie und zeigt sich dem jubelnden Chorvolk.Ein inszenierter Star, der im Zwischenspiel vor dem zweiten Arienteil durch eine Puppe ersetzt wird, ohne daß die Menge etwas davon merkt.Die echte Evita-Cenerentola steigt indes im eleganten grauen Straßenkostüm hinab, ordnet die Erschießung ihrer Angehörigen an und ringt sich dazu ein paar Krokodilstränen ab.Ulrike Helzel hat für diesen Moment nicht nur die notwendigen Koloraturen, sondern auch noch ein herrlich höhnisches Grinsen parat - die da triumphiert, ist vielleicht die Schlimmste von allen.Oder besser: im Verlauf des Abends dazu geworden.Denn wenn Helzel zu Anfang Cenerentolas sehnsüchtiges "Es war einmal" anstimmt, macht sie das noch mit ganz kindlichem Ernst.Korrumpiert wird das Mädchen erst durch ihren kometenhaften Aufstieg, die Cenerentola des Schlußbildes würde keine Turnschuhe mehr zur Robe tragen - und sie dann auch noch so naiv herzeigen.

Helzel, normalerweise im Ensemble der Deutschen Oper Berlin, ist der einzige Gast dieser Produktion; mit ihrem leichten, recht hoch gelagerten Mezzosopran fügt sie sich nahtlos in die Basler Ensemble-Familie ein: Da ist die Primadonna mit ihren Bühnenschwestern Catherine Swanson und Ulrika Precht spielerisch und gesanglich ebenso auf einer Ebene, wie sie zum jungenhaft hellstimmigen Prinzen von Barry Banks paßt.Da durchbricht keine zu schwere Stimme das Geflecht des dauernden szenischen wie musikalischen Reagierens, selbst der grobschlächtig bierwanstige Stiefvater Jens Larsens findet musikalisch den Schnittpunkt zwischen Gewichtigkeit und Flexibilität.

Wie stimmig diese Produktion insgesamt geraten ist, merkt man gerade daran, daß sich das Dirigat von Baldo Podic nicht in den Vordergrund drängt: Das ist kapellmeisterlich im besten Sinne, dient in seiner unauffälligen Konturenschärfung immer der Bühne, statt durch Tempoexzesse auf sich selber aufmerksam zu machen.Erneut eine Produktion, die den Status Basels als Idealfall des Stadttheaters untermauert.Hoffentlich mit Beispielcharakter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben