Kultur : Blut und Papier

Die händeringend komische Barockoper „Pyramus und Thisbe“ im Schlosspark Britz.

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Ih-Ah. Björn Wunsch als Esel im vergnüglichen Zwischenspiel. Foto: Simon/Kulturamt
Ih-Ah. Björn Wunsch als Esel im vergnüglichen Zwischenspiel. Foto: Simon/Kulturamt

Wie eine Matrjoschka mutet die neue Produktion des Festivals Schloss Britz unter der Leitung von Volkmar Bussewitz an, so gern spielt man mit dem Kleineren und Größeren, dem Ineinander und Auseinander des Immergleichen: der Geschichte von Pyramus und Thisbe, die nicht zueinander dürfen, weil ihre Familien verfeindet sind. Die beiden können sich nur über ein Loch in der Wand zwischen beiden Wohnhäusern verständigen. Eines Nachts sterben sie draußen im Wald, weil Pyramus glaubt, Thisbe sei von einem Löwen gefressen worden und sich aus Kummer darüber umbringt. Sein Anblick entsetzt die herbeieilende Thisbe, die sich nun ebenfalls ersticht.

Die schon bei Ovid beschriebene Episode arbeitete Shakespeare als Stück-im-Stück in seinen „Sommernachtstraum“ ein – schon dort hat sie eher komische als tragische Qualitäten. Im Britzer „Kulturstall“ nun wird alles geboten, Scherz und tiefere Bedeutung, ineinandergeschachtelt und -geknotet, eine Oper mit intertextuell wirksamem Pausenstück. Den Rahmen gibt Johann Adolf Hasses Oper „Pyramus und Thisbe“, seinerzeit selbst eher als Interludium zu einer größeren Musiktheateraufführung vorgesehen, nun aber eigenständig und erstmals in einer deutschen Fassung von Bettina Bartz und Jürgen Hinz zu hören.

Hasses Musik klingt barock, dennoch überraschen insbesondere die Arien, die nicht wie sonst mit dem typischen A-B-A’-Muster aufwarten (und viel Gelegenheit für Improvisationsgepränge), sondern mit ständig neuen Formabschnitten. Außerdem geht es, zumal in der Inszenierung von Antje Kaiser, nicht um mutige Helden oder große Königinnen wie sonst, sondern um einen händeringenden Pyramus (in einer Hosenrolle Catrin Kirchner, deren Stimme der Verve, die sie ihrer Figur gibt, nicht immer standhält) und eine mädchenhafte Thisbe, die Andrea Chudak mit soubrettenleichtem Sopran und Talent zur komischen Geste gibt. In ihrem Rücken äußert, mit leuchtendem Tenor, Hartmut Schröder als ihr Vater große Sorgen. Er wird sich am Ende natürlich ebenfalls umbringen.

Maria Wolgast hat für den ersten Teil ein verspieltes Bühnenambiente mit Glitzerblumen geschaffen und Thisbe in einen Reifrock aus Papier gesteckt, schließlich spricht schon die Sage von einem Maulbeerbaum, dessen Früchte durch das Blut des Pyramus gefärbt wurden, und stehen im Schlossgarten Maulbeerbäume, aus deren Fasern eben auch Papier hergestellt werden kann. Auch das Kammerorchester Schloss Britz unter Stefan Roberto Kelber sitzt zwischen Bergen von geknülltem Papier. In Ermangelung eines Grabens hat man es oben auf der Bühne platziert, wo es nicht immer der Aufgabe gerecht wird, bis in den Zuschauerraum hinein zu strahlen und Lautstärkeunterschiede deutlich zu übermitteln.

Gleichviel: Nicht anders als liebevoll betreut bis ins Detail darf man diese Produktion nennen. Neukölln kann stolz sein auf das neue Leben in der Schloss-Park-Gutshof-Gruppe, die schon um 1900 als „Sanssouci von Britz“ gepriesen wurde. Und dann erst das Innenstück des Abends, die Jungformation unter der Führung der sehr kessen Mehtap Ari, die („zack, zack“) nicht nur ihre Mitstreiter, sondern auch das Publikum zwischen den beiden Opernakten vom Kulturstall nach draußen und wieder zurück scheucht wie eine Reiseleiterin auf Speed. Zwar hat Regisseur Oliver Trautwein die sechs Nachwuchsschauspieler für ihre Pausendarbietung auf der neuen Freilichtbühne zu äußerster Quasselei und Kreischerei ermutigt. Das geht ein bisschen auf die Ohren. Aber irgendwann schält sich doch heraus, dass es um besagte Shakespeare-Episode gehen soll, die die sechs nun überraschend klar artikulierend zur Aufführung bringen. Shakespeare bleibt eben doch der größte Theaterheld aller Zeiten, seine Überlegenheit zeigt sich noch in den zarten Ih-Ahs, zu denen Björn Wunsch als Esel über die lianenverhangene Freilichtbühne galoppiert.Christiane Tewinkel

Wieder am 10. und 11. August, 19.30 Uhr. Gutshof Schloss Britz, Alt-Britz 81

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