Kultur : Bluthochzeit mit Gott

Was bringt einen Menschen dazu, explodieren zu wollen? Der Islam verliert mit den Selbstmordattentaten seine Würde

Marc Jongen

Eine Gestalt ist erschienen am Horizont der westlichen Zivilisation, und sie ist dabei, den Himmel über diesem Treibhaus des Komforts und des Luxus gründlich zu verdüstern – die Gestalt des Selbstmordattentäters. Angesichts des Terrors (wörtlich: Angst), den dieser politische und mediale Akteur zu verbreiten vermag, fragt sich die westliche Öffentlichkeit zunehmend, was dieses Phänomen eigentlich bedeutet. Welcher Mentalität es bedarf, um sich eine Ladung Sprengstoff umzuschnallen, scheinbar in aller Ruhe an einen belebten Ort zu fahren und den Sprengsatz dort tatsächlich zu zünden – die Bilder der zerfetzen Leichen, der Panik und des Entsetzens vor Augen, die im nächsten Moment schon Wirklichkeit sein werden.

Der Selbstmordattentäter ist offenbar ein vollkommen anderer Menschentypus als jener, auf den die westliche Zivilisation im Wesentlichen gegründet ist: den Konsumenten, oder – mit Nietzsche gesprochen – den „letzten Menschen“. Der letzte Mensch hat das Glück erfunden und blinzelt, er kennt „ein Lüstchen für den Tag und ein Lüstchen für die Nacht“, ihm fehlt jeder Wille, ein Opfer für ein höheres Ziel zu bringen.

Hinsichtlich seiner obersten Werte hat sich das Abendland von der „Ehre Gottes“ über „Kaiser und Vaterland“ sowie „Blut und Volk“ als spezifisch deutschen Zwischenschritt bis zur heutigen Ego- und Singlegesellschaft glücklich heruntergearbeitet. Dass diese wenig heroische Lebensform letztlich noch das geringste Übel darstellt, ist mit Blick auf Europas kriegerische Vergangenheit leicht plausibel zu machen. Den eigentlichen „Kulturschock“ erleidet der Westen daher nicht durch die Morde der Attentäter als solche, sondern durch den radikal verstörenden Umstand, dass der Vernichtungswille dieses Feindes offenbar über seinen eigenen Lebenstrieb triumphiert, dass er für den Untergang seines Gegners – unseren Untergang – offenbar jeden Preis zu zahlen bereit ist.

Im Titel einer kurzen, äußerst konzentrierten Abhandlung aus dem Jahr 1849 fragt Søren Kierkegaard: „Hat ein Mensch das Recht, sich für die Wahrheit totschlagen zu lassen?“ Er berichtet darin von den wackeren Pastoren seiner Zeit, die vor versammelter Gemeinde von „jenen Herrlichen“ predigen, „die ihr Leben für die Wahrheit geopfert haben“; stillschweigend voraussetzend, dass keines ihrer Schäfchen auf die Idee verfallen werde, mit solchem Selbstopfer Ernst zu machen. „Falls nun“, beginnt Kierkegaard ein Gedankenexperiment, „am nächsten Tage einer von jenen entschlossenen Menschen, die nicht deklamieren, ein stiller, bescheidener, vielleicht unansehnlicher Mann zum Pastor in die Wohnung käme und sich als denjenigen meldete, den der Pastor durch seine Beredsamkeit hingerissen habe, so dass er jetzt beschlossen habe, sein Leben für die Wahrheit zu opfern: Was wird dann wohl? Ja, dann hielte der Pastor wohl gutmütig folgende Rede: Ei, behüt’ mich der himmlische Vater, wie kommen Sie bloß auf die Idee; reisen Sie, suchen Sie Zerstreuung, nehmen Sie ein Abführmittel.“

Sein Leben für die Wahrheit opfern oder doch lieber eine Reise tun – das ist der Unterschied zwischen metaphysischer und nachmetaphysischer Lebenseinstellung, wie sie heute im globalen Maßstab aufeinanderprallen. Für die Parteigänger des „Dschihad“, des heiligen Krieges, ist „McWorld“ die Hure Babylon, eine Zivilisation gewordene Gotteslästerung. Jedes Selbstopfer ihrer Schahids, das heißt Märtyrer, bedeutet über alle sonstigen Absichten hinaus einen hochgradig symbolischen Akt, mit dem die Erniedrigten und Verlierer der Weltgeschichte eine Überlegenheit ganz anderer Art zu demonstrieren suchen. Auch der Ausdruck „Selbstmordattentäter“ ist im übrigen Teil dieses Kampfes im Symbolischen, indem er die vermeintliche Heldentat als profanes Verbrechen interpretiert.

Hat jemand, zu Beginn des Jahrhunderts, noch einen Begriff davon, was es im metaphysischen Zeitalter hieß, sein Leben einer höheren Sache zu weihen? Versteht man noch, welche Wonne es für das Individuum bedeutete, von Gott selbst, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, die Anweisungen zu empfangen, SEIN ergebener Diener zu sein? Das paulinische „Nicht ich lebe, sondern Christus in mir“ ist das Schlüsselwort jener Epoche, in der die Seele kein höheres Ziel kannte, als Braut Gottes zu werden, inhaltsleeres und willenloses Instrument dieser einzigen phallischen, alles penetrierenden Macht (nach Freud).

Solche „Weihe“, lateinisch consecratio, bedeutet den Übertritt des geweihten Dinges oder Menschen von einer profanen in die sakrale Ordnung, was im Fall der Weihe eines ganzen Menschenlebens jeder einzelnen, noch so banalen Handlung den Nimbus heiliger Bedeutsamkeit verleiht. Nichts ist mehr das, was es zu sein scheint, und was in der profanen Ordnung die ärgste Sünde wäre, kann in der sakralen Ordnung ein Akt höchster Gottgefälligkeit sein.

Das Bewusstsein des Gottgeweihten gerät unter die Herrschaft der spezifisch religiösen Dialektik: Erhöhung durch Erniedrigung – „denn wer sich erhöht, wird erniedrigt, und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden“. Je vollkommener er sich „abtötet“, in christlicher Terminologie, oder „entwird“, wie die islamischen Mystiker sagen, desto euphorischer erfährt er die göttliche Penetration, sich erbauend an der eigenen Nichtigkeit. Erst jetzt begreift er den Ausruf: Gott ist groß, Allah-hu Akbar! Der Islam (wörtlich: Unterwerfung) exerziert diese Logik noch konsequenter durch als das Christentum, das der Seele mit Christus einen seinerseits leidenden Bräutigam anbietet, dessen Herrenqualitäten schon partiell beschnitten sind.

Worin anders sollte diese fatale Affäre mit Gott ihre letzte Erfüllung finden als im Liebestod der Seele? Während die mystischen Traditionslinien in Christentum und Islam eine rein spirituelle, verinnerlichte Version dieses Liebestodes propagieren, setzt der Fundamentalismus seit jeher auf krude Äußerlichkeit, anders gesagt: auf den realen Märtyrertod. Wenn in einer U-Bahn oder auf einem belebten Marktplatz ein Mensch mit einer Bombe explodiert, dann ist das so gesehen nur der irdische Reflex jenes ultimativen Orgasmus, der ihn in der sakralen Ordnung im selben Moment mit dem Allerhöchsten vereint.

Warum ist diese todessüchtige Metaphysik in Teilen der islamischen Welt heute weißglühender denn je, woher dieser regelrechte Potlatsch an Gewalt, der die islamischen Gebiete selbst übrigens am schlimmsten heimsucht? Neben der globalen Medienaufmerksamkeit, die den Anreiz zu solchen Taten natürlich enorm erhöht, liegt der tiefere Grund im Todeskampf der metaphysischen Epoche als solcher, der sich in blindwütigen Spasmen vollzieht. Dass die Dschihadisten nicht nur den Anschluss an ihre traditionelle Kultur, sondern auch jede Würde verloren haben, zeigt sich nicht zuletzt an der Trash-Ästhetik der von ihnen produzierten Terrorbilder, die den Splatter-Movies des letzten Menschen abgeschaut scheint.

Kommt der bescheidene, vielleicht unansehnliche, aber zu allem entschlossene Mann nach der Predigt eines islamistischen Imams in dessen Wohnung – er weist ihn in die Sprengstofftechnik ein. Mit Kierkegaard sei ihm aber gesagt, dass ein vermeintlicher „Wahrheitszeuge“, der sich rein polemisch zu anderen Menschen verhält, eben dadurch in die Unwahrheit gerät – und zwar vor Gott! „Dann aber“, fährt Kierkegaard fort, „ist er noch weit entfernt davon, ihnen wahrhaft überlegen zu sein, oder ihnen überlegen in der Wahrheit zu sein; denn Überlegenheit heißt doch gerade, seines Feindes Anwalt sein und als solcher darum besorgt sein und einsichtsvoller als er darüber wachen, dass er nicht unwahr dahin komme, schuldiger zu werden als er es verdient.“

Es mag viel verlangt sein von einer schwer gedemütigten Kultur wie der islamischen, auch noch zum Anwalt ihres vermeintlichen Feindes zu werden, liebend besorgt um dessen Schuld. Und doch zielt die religiöse Logik auf ein Wahrheitszeugnis, das echte Überlegenheit beweisen soll – das Beschämung auslösen würde im „doppelzüngigen“ und „gottlosen“ Westen. Aus sich selbst heraus muss der Islam zum Verzicht auf religiöse Gewalt sich jetzt durchringen, wie einst das Christentum sich dazu durchgerungen hat. Seine großen Kulturleistungen der Vergangenheit drohen andernfalls durch die faschistoide Ideologie des Islamismus noch rückwirkend diskreditiert zu werden.

Marc Jongen, Jahrgang 1968, lehrt Philosophie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Er hat das Hauptwerk des Kulturphilosophen Leopold Ziegler „Gestaltwandel der Götter“ (1920) bei Königshausen & Neumann herausgegeben und neu kommentiert.

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