Kultur : Blutige Blüten

Steffen Richter

sucht nach verschwundenen Worten Im Juni 1978 fanden in Argentinien die Fußball-Weltmeisterschaften statt. Der Gastgeber gewann das Turnier und die Fernsehstationen übertrugen Spiele eines friedvollen Sportfestes in alle Welt. Im selben Monat feierte Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ in London Premiere. Später durfte auch Madonna in Alan Parkers Verfilmung ins Mikrofon hauchen: „Don´t cry for me, Argentina!“

Dabei hatte Argentinien allen Grund zur Trauer. Nicht um die 1952 gestorbene und kultisch verehrte Präsidentengattin Eva Perón, wohl aber um die Zustände im Land. Vor zwei Jahren hatte eine Militärjunta die peronistische Regierung aus dem Amt geputscht. Widersacher wurden verhaftet, umgebracht oder verschwanden in den Folterkellern des Regimes. Auch Juan Gelman lief in diesen Tagen durch Buenos Aires. Schon 1975 war der Lyriker und Guerillero nach Rom exiliert. Nun kehrte er für kurze Zeit illegal zurück, um Journalisten auf die Repressionen der Diktatur aufmerksam zu machen. Er musste mit ansehen, wie seine Landsleute in den Straßen den Fußbaltitel bejubelten, während die staatliche Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren lief.

Gelman, als Sohn ukrainisch-jüdischer Emigranten 1930 in Buenos Aires geboren, hat sich früh zwischen alle Stühle gesetzt. Von der linksoppositionellen Gruppe der Montoneros trennte er sich, weil ihm Bombenlegen nicht als probates Mittel des Widerstands erschien. Vom Regime aber wurde er als „Vaterlandsverräter“ gejagt. Da die Militärs ihn nicht fassen konnten, verschleppten sie 1976 seinen Sohn und seine im achten Monat schwangere Schwiegertochter. Über seine Dichterarbeit schreibt Gelman: „Zu diesem Handwerk zwingen mich die Schmerzen anderer, / die Tränen, die Tücher zum Winken.“

Vor vier Jahren hat er seine Enkeltochter ausfindig gemacht. Sie war in einer fremden Familie ohne jede Ahnung von ihren wahren Eltern in Uruguay aufgewachsen. Ihre Mutter aber gehört noch heute zu den „Desaparecidos“, den Verschwundenen aus der Zeit der Diktatur. Kollegen wie Günter Grass, Gabriel García Márquez, Imre Kertész und José Saramago haben Gelman bei seiner Suche unterstützt. Bisher vergeblich. Seit über 20 Jahren fordern die „Madres de la Plaza de Mayo“ vor dem ehemaligen Sitz der Junta in Buenos Aires Aufklärung über ihre Angehörigen. Wie tief das Trauma in die Gegenwart reicht, lässt sich in Marcelo Brigantes Kurzfilm „Falsch verbunden“ erahnen, der einen jungen Mann Mitte der Neunziger mittels surrealer Telefonate ins Argentinien des Jahres 1978 schickt.

Der Name Juan Gelmans steht wie kein anderer für den Kampf gegen das Vergessen der Gräuel. Dennoch geht der Dichter keinen engagierten Worthülsen auf den Leim – und verwehrt sich gleichzeitig gegen reines „l´art pour l´art“. „Ein Vogel lebte in mir. / Eine Blume wandelte durch mein Blut. / Mein Herz war eine Violine“ liest man in „Spuren im Wasser“ (Teamart, Zürich), einer kürzlich erschienenen Auswahl seiner Lyrik, die mehr als 20 Gedichtbände füllt. Am 2.7. kommt Juan Gelman , zurzeit Gast des Poesiefestivals in Berlin, ans Instituto Cervantes (18 Uhr). Nach Jahren in europäischen Emigrationsländern lebt er seit einem Jahrzehnt in Mexiko. Sein Thema lautet: „Das Gedicht im Exil: Vom Verschwinden der Worte“.

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