Kultur : Blutige Brombeeren

Das Weddinger Rotaprint-Grundstück wird zum Theaterschauplatz. Eine Geländeerkundung

Annett Gröschner

Die Kösliner Straße liegt träge in der Nachmittagssonne. Die Mieter in den Erdgeschosswohnungen auf der Ostseite der Straße haben die üblichen weißen Plastestühle in ihre Vorgärten gestellt. Sie stehen bunt durcheinandergewürfelt, als wären gerade alle aufgestanden und in die Häuser gegangen. Die Panke, die sich sehr langsam parallel zur Straße zwischen den Grundstücken entlangschlängelt, stinkt seit ein paar Jahren nicht mehr. Es duftet nach Lindenblüten, kein Mensch ist auf der Straße. Es gab Zeiten, da hat es hier von Kindern gewimmelt. Es gab Zeiten, da gab es keinen Baum in der Straße, aber Barrikaden. Heute aber erinnert bis auf einen Gedenkstein an der Wiesenstraßenbrücke nichts an den „Blutmai 1929“.

Mit der Begründung, einen friedlichen Verlauf des 1. Mai 1929 sichern zu wollen, hatte der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel das seit längerem geltende Demonstrationsverbot in Berlin auch für diesen Tag aufrechterhalten. „Straße frei dem Proletariat! Volle Arbeitsruhe am 1. Mai! Straße frei für die Maidemonstration!“, hieß es auf Flugblättern der KPD. Von Wedding aus sollte ein Demonstrationszug in Richtung Alexanderplatz gehen. Die Polizei schoss scharf auf alles, was sich bewegte, vor allem in der Kösliner Straße. Mehr als 30 Menschen starben, unzählige wurden verletzt. Es ist eines der traurigsten Kapitel der Arbeiterbewegung. Nur die Nationalsozialisten gingen daraus gestärkt hervor.

Heute gibt es keinen einzigen Gründerzeitbau mehr in der Straße und dass die Kösliner „Hochburg der Kommunisten und des übelsten Weddinggesindels“ sei, wie die Berliner Illustrierte Nachtausgabe nach den Maiunruhen 1929 schrieb, kann man bei einem Spaziergang durch die Straße nicht bestätigen. Es war schon damals Propaganda. Nur in einem Fenster des postmodernen Gebäudekomplexes, der an Stelle der damaligen Barrikade die Weddingstraße von der Pankstraße trennt, hat einer ein rotes Stofftransparent mit der Botschaft „Gegen ein Europa der Monopole“ zur Gardine umfunktioniert.

Die KPD-Flugblätter waren 1929 in der Druckerei im Karl-Liebknecht-Haus, gleich neben der Volksbühne, auf Rotaprint-Offsetdruck- und Vervielfältigungsmaschinen gedruckt worden, die seit ihrer Erfindung 1922 schräg gegenüber der Kösliner Straße hergestellt wurden. Die 1904 in der Sophienstraße gegründete und mehrmals umbenannte Rotaprint AG war 1920 auf das Gelände zwischen Reinickendorfer-, Ufer- und Wiesenstraße umgezogen, wo sie allmählich bis an die Mauern der Hinterhöfe expandierte. Im Zweiten Weltkrieg verdiente man kräftig, weil der größte Teil der Frontdruckereien mit Rotaprint-Maschinen ausgerüstet wurde. Dass der Aufschwung mit Hilfe zahlreicher Zwangsarbeiter geschah, wird in der Festschrift von 1954 verschwiegen. Erwähnt wird nur die Zerstörung des Betriebes von 1945.

Mit Wirtschaftswunder und Berlinsubventionen erholte sich der Betrieb. Rotaprint-Maschinen wurden für den Druck von Reklamezetteln gebraucht, in den sechziger Jahren stieg wieder die Nachfrage nach Flugblättern. „Eine Druckmaschine R 20 kann wirksamer sein als ein leichtes Maschinengewehr“, hieß es in den sechziger Jahren im Umkreis der Westberliner Haschrebellen. Als sich in den Achtzigerjahren Kopierer durchsetzten verpasste Rotaprint den Anschluss. Mit Landesbürgschaften und dem Kauf des Grundstückes wollte der Westberliner Senat den Konkurs abwenden. Der Verkehrssenator plante, Rotaprint in einen Eigenbetrieb des Landes Berlin zu verwandeln. Liest man das heute, bekommt man eine Ahnung davon, warum Berlin so gigantisch verschuldet ist.

1989 war Schluss. Fast 500 Mitarbeiter waren arbeitslos, das Inventar versteigert: Nur ein Beispiel für den Niedergang des Wedding als Industriestandort. Heute kann der Volksbühnenregisseur René Pollesch seinen „Pablo aus Plusfiliale“ aus der neoliberalen Versuchsanordnung in eine wahrhaftige Filiale ebenjenes Discounters schicken, nur ist die Realität härter als die Kunst im Theaterlabor – denn der ans Gelände grenzende Plusmarkt auf der Reinickendorfer Straße muß bald einem anderen Discounter weichen, der billiger verkauft, und wer weiß, ob nicht auch die Alkoholiker, die zahlreich die Straßenmöbel neben der Plusfiliale frequentieren, dann von durch Hartz IV verursachte Neuverlierer vertrieben werden. Der City-Sex-Shop gegenüber hat Gummipuppen auf 19 Euro gesenkt.

Die weitläufigen Maschinenhallen von Rotaprint wurden Anfang der neunziger Jahre abgetragen, drei Jahre brauchte man, um die Verseuchungen zu beseitigen. Auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks stößt man, wie auch schon an der Ecke Gottsched-/Bornemannstraße, auf ein renovierungsbedürftiges Gebäude mit schräg übereinander gestapelten und ineinander verschachtelten Betonkuben, das aussieht, als hätte es Corbusier vom Mittelmeer aus Versehen in den Wedding gebeamt. Zum Entsetzen des damaligen CDU-Baustadtrates, der die Gebäude für „alte Schabracken“ hielt, stellte das Landesdenkmalamt das Gebäudeensemble 1991 unter Denkmalschutz und kam damit einem Komplettabriss zuvor. Heute sind dort Kleinbetriebe, Künstler, Vereine und Projekte wie das Kommunale Forum Wedding untergekommen. Die Bebauung des geräumten Geländes mit 230 Wohnungen scheiterte.

Heute wachsen hier Birken, Pappeln, Essigbäume, Robinien, Kiefern, Schafgarbe und Brombeeren. Das Erdreich ist mit Ziegelsteinresten und Scherben, Keramikkacheln und Maschinenteilen vermischt. Ein Teil der Brache wird von einem Holzbildhauer genutzt, dessen wilde Gebilde aus Holzleisten eine Art Thingplatz bilden. Daneben hat die Rollende Road Schau ihre Wagen aufgestellt. Bei den Recherchen stieß die Dramaturgie auf eine seltsame Parallele. In den fünfziger Jahren besaß Rotaprint einen 16 Meter langen Vorführwagen in futuristischem Design, der durch die Bundesrepublik fuhr und Druckmaschinen vorführte. Genannt wurde das Projekt Rollende Road Show.

Annett Gröschner, geboren 1964, lebt als freie Autorin u.a. von stadtethnologischen Reportagen in Berlin. 2000 erschien ihr Roman „Moskauer Eis“ (Gustav Kiepenheuer), zuletzt die Biografie „Ein Koffer aus Eselshaut. Berlin-Budapest-New York“ (zusammen mit Peter Jung, 2004).

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