Kultur : Blutige Jahre

AUSSTELLUNG

Michael Nungesser

Seit über einem Jahr erlebt Argentinien eine Wirtschaftskrise. Aus den Schlagzeilen weitgehend verschwunden, hebt die Berliner Ausstellung „Alltag und Vergessen – Argentinien 1976/2003“ das Land wieder ins Bewusstsein. Sie sucht nach den Wurzeln der jetzigen Misere. Vor 50 Jahren war Argentinien eines der stabilsten Länder Lateinamerikas. Doch die Auseinandersetzungen der sozialen Gruppen mündeten Mitte der Sechziger in diktatorische Regimes, denen 1976 bis 1983 mehrere blutige Militärjuntas folgten. Zu deren Schreckensbilanz zählen 30000 „Verschwundene“. Auch in der Ausstellung spielen sie eine Rolle. In dem Installationsraum von Veronike Hinsberg sind Interviews mit Verwandten und Freunden zu hören. Eva-Christina Meier lässt in ausschnitthaften Fotos das Fehlen dieser Menschen im Alltag spürbar werden. Unter den Porträts befindet sich das von Martín Oesterheld. Sein Großvater Héctor Oesterheld blieb verschwunden. Das Schicksal des populären Comiczeichners war 1985 Gegenstand einer belgischen Comicserie. Den aktuellen Bezug stellt die Video-Audioinstallation von Alicia Herrero her. Sie zeigt die Menschen einer Textilfabrik, die vor der drohenden Schließung von der Belegschaft in Eigenverantwortung übernommen wurde. Die Ausstellung unternimmt viele Versuche, eine Ästhetik des Widerstehens aufzuzeigen, die über argentinische Verhältnisse hinausweist. Das Konzept ist vielschichtig, aber ohne Hintergrund- (und manchmal auch Sprach-)Kenntnisse nicht immer leicht nachvollziehbar. Zusammen mit den analytischen Texten des Kataloges ergibt sich jedoch eine ausbaufähige Materialsammlung. (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, bis 20. April; täglich 12 bis 18.30 Uhr; Katalog 12 €) Michael Nungesser

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