Kultur : Blutige Tränen

Lässt sich eine Performance verkaufen? Besuch bei der Künstlerin Nezaket Ekici

Simone Reber

Berlin: Kunststadt, Boomstadt. Galerien und Messen expandieren, Sammler, Künstler und Käufer aus aller Welt kommen in die Stadt. Doch was heißt das eigentlich für die Kunstproduktion? Unsere Sommerserie widmet sich den Künstlern und fragt sie danach, wie stark der Kunstmarkt ihre Arbeit beeinflusst.

Der Rucksack wiegt mindestens zehn Kilo. Zwei Laptops schleppt Nezaket Ekici auf ihren Schultern, in der Tasche an der Hand baumeln Wasserflaschen. Man möchte meinen, die Künstlerin schindet sich gern. Dabei ist sie nur auf dem Weg in ihr Studio, eine Dachstube über den Sophiensälen. Der leere Arbeitsraum führt drastisch vor, wie flüchtig die Kunst der Performance ist. Nezaket Ekici trägt ihr ganzes Werk im Laptopspeicher auf dem Rücken. Bei jeder Bewegung klimpern goldene Armreifen an ihrem Handgelenk. „Die gehören zu meinem Körper“, entschuldigt sie sich. Ihr Körper ist ihr Instrument. In der Performance bündelt sie seine Kraft zu strenger Konzentration. Wie bei einer Schauspielerin muss er durchlässig sein für Emotionen. „Aber ich spiele keine Rolle. Ich bin in einem anderen mentalen Zustand. Wenn das Publikum meine Energie aufnimmt und etwas davon zurückgibt, entsteht eine Kraft, die mich motiviert.“ Dann entsteht der einzigartige Moment der Performance, der sich weder digital speichern noch wirklich vermarkten lässt.

In Nezaket Ekicis Sprache schwingt eine weiche süddeutsche Grundmelodie mit. Sie ist in der Türkei geboren und in Duisburg aufgewachsen. Doch schon das letzte Jahr ihrer Lehre als Druckformenherstellerin absolvierte sie in München. Heute pendelt sie zwischen Berlin und Stuttgart, wo ihr Mann, ein promovierter Philosoph, als Bildungsreferent bei Bosch arbeitet.

Zur Performance ist Nezaket Ekici auf Umwegen gelangt. Erst studierte sie Kunstpädagogik, dann Bildhauerei, bis sie sich bei Marina Abramovic in Braunschweig vorstellte. Dort lernte sie, in der Begegnung mit dem Publikum körperliche Grenzen zu überwinden. 2004 schloss Ekici das Studium als Meisterschülerin ab - nach zehn Jahren Ausbildung, die Lehre nicht mitgerechnet. Es sind diese unbezahlten Jahre der Suche und Entwicklung, die bei der Diskussion über den Preis von Kunst selten Erwähnung finden. Die Performance gehört am Markt ohnedies zu den Aschenputteldisziplinen. Für ihre ersten Auftritte erhielt die Künstlerin 500 Euro, heute verlangt sie das Dreifache plus Spesen und Produktionskosten. Anders als Maler oder Bildhauer ist sie auf Einladungen von Festivals, Messen, Museen oder Galerien angewiesen.

Einige ihrer Arbeiten sind momentan in der DNA Galerie zu sehen, zur Eröffnung gab es die Performance „Madonna“. Inspiration war eine Einladung nach Sevilla : Überall dort sah Nezaket Ekici Darstellungen der Macarena, der Schutzpatronin der Stierkämpfer, die blutige Tränen weint. In der Kirche brannten Kerzen rings um die Heiligenfigur. „Wie fühlt es sich an, von Flammen umgeben zu sein?“, fragte sich die Künstlerin. Und: „Die muss doch verbrennen." Sie hat es am eigenen Leib ausprobiert und sich im Brautkleid unter einen Leuchter mit 37 Kerzen gestellt. Weil der Leuchter kopfüber hing, tropfte beim Anzünden rußiges Wachs auf das weiße Kleid und die nackten Arme. Mit den heißen Tropfen auf der Haut geriet die Vorführung zur Herausforderung. „Der Schmerz ist nicht das Ziel“, betont Nezaket Ekici. „Aber wenn die Betrachter etwas sehen sollen, was sie nicht alle Tage sehen, dann muss ich Anstrengungen auf mich nehmen. Wenn das Publikum die Kraft erwidert, ist der Schmerz weg. Man ist wie befreit.“

Noch eine andere Freiheit nimmt sie sich: die Wahl zwischen den Kulturen. In der Türkei hat sie sich einen Namen gemacht. Immer wieder nutzt sie die Reibungskraft zwischen katholischer und islamischer Religion. Mit „Madonna“ wählt Nezaket Ekici einen neuen Weg der Vermarktung: Sie schuf während ihrer Performance ein Objekt, das mehr ist als nur Relikt der Aufführung: Als Skulptur ist das Brautkleid für 16 000 Euro erhältlich. Es ist nicht die erste Arbeit dieser Art, das Debüt aber war ein eher unfreiwilliges. Für eine Performance in einem ehemaligen türkischen Frauengefängnis hatte sie ihre langen, schwarzen Haare in allen Richtungen des Raumes an den Wänden festbinden lassen. Ein Bild von Qual und Kummer. Zehn Stunden bewegte sich die Künstlerin auf einem kleinen Brett hin und her und unternahm vergebliche Versuche, sich aus den Fesseln zu lösen. Erst als die einzelnen Strähnen hoffnungslos festgezurrt waren, schnitt sie die Haare ab und bietet auch sie nun zum Verkauf.

Nezaket Ekicis Arbeiten stellen häufig Ausbruchsversuche dar. Eigentlich fair, dass diese kostbaren Augenblicke nicht käuflich sind – bis auf die dokumentarischen Reste. Auch ihre Tafelbilder in der DNA Galerie sind das Produkt einer Performance. Nezaket Ekici erzählt darauf eine türkische Brautschau nach – mit transparenter Vaseline auf Leinwand: Als 17-Jährige war sie während der Ferien in der Türkei. Dort sprachen junge Männer bei ihren Eltern vor, und als Tochter des Hauses servierte Nezaket Ekici den Mokka. Ihr Geschick bei der Zeremonie sollte ihre Qualitäten als Ehefrau beweisen. Am Schluss der Performance schleuderte die Künstlerin Kaffee gegen die Leinwand, der den Text erst sichtbar machte.

Ein würziger Geruch geht nun von den Bildern aus. Vier davon hat René Block gekauft, eines kann man noch erwerben. Das Video, das den Auftritt dokumentiert, ist in kleiner Edition erschienen (ab 3500 Euro). „Die Performance lässt sich verkaufen“, beharrt Nezaket Ekici. Das Publikum sucht nach hautnahen, direkten Erfahrungen. Nezaket Ekici ist gut gebucht. Ihr Nachname bedeutet: die Säerin. Ihre Ernte wird wohl der Erfolg sein.

DNA Galerie, Auguststr. 20; bis 7.9.

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