Kultur : Blutkonserve

Kult und Sühne: Nach neun Jahren kommt das Musical „Tanz der Vampire“ in Berlin an

Kai Müller

Es ist eine Tücke der Natur, dass die Halsschlagader ein durch die menschliche Anatomie kaum geschütztes Lebensorgan ist. Verliefe sie im Rückgrat, eine der finstersten Gestalten der Kulturgeschichte wäre vom nacht-ängstlichen Gemüt des Menschen nie erfunden worden: der Vampir. Dass sich der transsylvanische Dunkelmann immer wieder hübsche Jungfrauen sucht, um sich in deren lieblichste Stelle, die Halsbeuge, zu verbeißen, haben seit Bram Stokers spätromantischem „Dracula“-Roman unzählige Kino-Adaptionen und Gruselmärchen erzählt. Doch keines demontierte den Mythos vom aristokratischen Parasiten und Unsterblichkeitsmonster so amüsant wie Roman Polanskis Horror-Parodie „Tanz der Vampire“. Der Film führte 1969 einen listig-verschroben Professor und Einstein- Wiedergänger samt Schüler in die Karpaten, um das Phänomen des Vampirismus zu studieren. Der Rest ist Kult.

Wie stark die Sehnsucht auch in Berlin ist, in den Sog eines Kults zu geraten, demonstrierte die eigens zur Premiere der Musical-Fassung von „Tanz der Vampire“ ins Theater des Westens gereiste, aufwendig kostümierte und geschminkte Schar der Fans. Immerhin ist das Bühnenwerk bereits neun Jahre alt, 4 Millionen haben es schon gesehen. Nach seiner Uraufführung in Wien und Stationen in Stuttgart und Hamburg gelangt der TdV nun ans TdW, wo er den Besucherschwund in Berlins renommiertestem Musical-Haus stoppen soll.

Aber, fragt man sich konsterniert, warum eine durch krachende Rock-Riffs aufgemotzte Ausstattungsshow sehen, wenn sie doch eigentlich nur den Film nacherzählt? Regisseur Roman Polanski, der auch die Bühnenfassung verantwortet, führt sein vertrotteltes Forscherduo in die altbekannte Welt der Lüste und Gelüste. Wobei Polanskis frühere Schneeobsession im Lichte expressionistischer Gebirgs- und Flocken-Projektionen auf die Gazewand etwas Zuckerbäckerhaftes bekommt. Die Herberge, in der Professor Ambrosius (mit viel zu jugendlichem Timbre: Veit Schäfermeier) und sein Gehilfe Alfred Zuflucht suchen, ist im Lebkuchenhausstil errichtet und von bedrängender Muffigkeit. Das wird die Tochter des Hauses bald schon zu der nicht minder angestaubten Erkenntnis veranlassen: „Draußen ist Freiheit.“

Da ist das Verhängnis schon in vollem Gang. Denn die Sehnsucht treibt das Mädchen Sarah in die Arme des Grafen von Krolock. Während der sie im Film noch aus einem Badezuber hatte rauben müssen, eilt sie nun, wie das ungezogene Töchter eben tun, aus eigenem Teenager-Antrieb zum Schloss. „Mach uns stärker, als wir sind“, seufzt sie noch in einem Duett mit Ex-„Superstar“ Alexander Klaws, der seine Sache als seinerseits heillos verliebter Alfred erstaunlich gut macht. Nachdem die Karriere als Casting-Held ins Stocken geraten war, dürfte sein Wechsel ins „Grusical“-Fach seinem Talent neue Züge geben.

Gegen die markante, stimmgewaltige Erscheinung des Grafen von Krolock (Thomas Borchert) wirkt Klaws’ bübischer Trampel allerdings blass. Der Vampir ist zur tragischen Figur weiterentwickelt geworden, ein Untoter, der mit jeder neuen Liebe nach dem Leben greift und zusehen muss, wie es ihm zerrinnt zwischen den, äh, Zähnen. Tatsächlich ist der Graf in seiner gebrochenen Bösartigkeit die bei weitem interessanteste Erscheinung. Er predigt den Eigennutz und die zügellose Leidenschaft, was sein Gefolge zu abstrusen, in ihrer Schlüpfrigkeit furchtbar altbackenen Tanzeinlagen ermutigt. In dem Gewusel geht beinahe unter, dass der Zynismus des Schlossherrn nur Fassade ist. Dahinter, so viel deutet Polanski immerhin an, spannt sich ein Menschheitsthema auf: das Drama der Verführbarkeit.

Im gezähmten Emotionsraum des Musicals verlieren sich Konfliklinien oft in der Karikatur. Diesmal ist es nicht anders. Wobei Komponist Jim Steinman gehörigen Anteil daran hat, dass dem Schattenreich der Blutsauger etwas ungemein Biederes innewohnt. Der Wagner-Verehrer, der vor allem für seine Zusammenarbeit mit Meat Loaf und als Schöpfer von dessen „Bat out of Hell“-Trilogie berühmt geworden ist, taucht das Geschehen in satten, konventionellen Breitwand-Pop. Immer wieder zitiert er sich selbst. Und wenn es mal richtig rüde zugehen soll, krachen Heavy-Metal-Riffs ins Stroboskop-Geflacker.

So gleitet das Stück vor allem im zweiten Teil in gruftige Lumpengefilde ab. Die sind nicht nur unansehnlich – jeder anständige Gothic-Fan hat mehr Styling als die sich verrucht gebenden Zombietänzer. Das drängt auch hübsche Einfälle wie die belebte Bildergalerie des Grafen in den Hintergrund. Hier wird eine Enthemmung zelebriert, die nicht weiß, ob sie sexuell oder morbide sein soll.

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