Kultur : Blutspur mit Folgen

PETER WAPNEWSKI

Liebestod, schmerzlich genug als Schicksals- oder Menschenschlag.Seine Tragik aber wird verzweiflungsvoll vertieft, wo das traurige Ende sich einem Irrtum verdankt, einem fehlgedeuteten Signal.So bei Hero und Leander; so bei Tristan und Isolde; so bei Romeo und Julia, - und so bei Pyramus und Thisbe (deren dunkles Ende der Romeo- und-Julia-Dichter in seinem "Sommernachtstraum" munter veralbert).

Ovid, großer Traditor antiker Mythen und Sagen, erzählt von zwei jungen Liebenden einst in Babylon.Sie entziehen sich der Bewachung durch die feindlich gesonnenen Väter, verabreden ein Rendezvous nächtens im Wald unterm Lorbeerbaum.Thisbe, zuerst eintreffend, begegnet einer Löwin.Deren Maul ist rot vom Blut frisch geschlagener Beute, sie stillt ihren Durst am Quell.Thisbe rettet sich in eine Höhle, verliert dabei ihren Schleier-Umhang, den die Löwin aufnimmt, ("durch Zufall", sagt Ovid), ihn besudelnd mit dem blutigen Maul.Pyramus findet das befleckte Stück, liest die Löwenspur, erfaßt irrend einen furchtbaren Zusammenhang: Die Geliebte wurde zerrissen von dem Raubtier ...Und, sich schuldig wähnend, stößt er sich das Schwert ins Herz.Sein Blut pulst hoch empor bis zu den Früchten des Maulbeerbaums - seitdem sind sie schwarz, wenn sie reifen.Thisbe findet den Sterbenden, beklagt ihn verzweifelt - und stürzt sich in sein Schwert.In gemeinsamer Urne werden die Liebenden beigesetzt, denen im Leben die Gemeinschaft nicht vergönnt war.

Kein "Lieblingsbild" (das ohnehin seinen Platz jeweils einem andern freigeben muß).Wohl aber eines von hoch irritierendem Reiz.Der ausgelöst wird von der merkwürdigen Perspektive, die der Maler der Szene gibt: Von den Füßen über das goldgelb schimmernde Beinkleid des toten Helden, kontrastiert vom schwarzen Wams, dem Schwert in der Brust bis hin zu seinem Kopf, der kronenartig bekränzt wird durch das üppig geschmückte, entglittene Barett.Zu seiner Linken, aufrecht stehend, wehklagend die Geliebte.Das hintergründig dunkle Bild wird dominiert von zwei hell leuchtenden Farbflächen: dem Goldgelb, das die gekreuzten, wohlgeformten Beine des Mannes umkleidet, und dem Weiß des langfallenden Rockes der Frau.Ein Farbenspiel, das sich fortsetzt in der goldmatt glimmenden Puttoplastik auf der Spitze jenes Renaissance-Brunnens, der hier den antiken Quell stolz vertritt.Und funkelnd auf Zweigspitzen und dem fernen Gemäuer.Das Licht aber verdankt sich einer Wolkenöffnung im obersten Winkel des Bildes, rechts vom Betrachter, daraus des Mondes Helle dringt und aufgefangen und reflektiert wird von den Kleidungsstücken.Die reich sind nach der Mode der Zeit, und dem gesellschaftlichen Rang der Träger gemäß.Denn nur Standespersonen haben ein Schicksal.Gar ein so furchtbares.

Hans Baldung, genannt Grien: seine Gestalten zumeist in christlicher Frömmigkeitsgestik verharrend, in statuarischem Pathos bleich nach innen gewandt und dem Jenseits zustrebend.Hier aber ist der Abschied vom Diesseits in fühlbare Diesseitigkeit eingebettet, statt verzückter Ekstase eine seelische Dramatik von sinnlicher Anschaulichkeit.(Die Kunstwissenschaft entdeckt "manieristische Züge" beim späten Baldung.) Die Liebende, den Kopf geneigt und die Hände ringend, bildet in ihrer mädchenhaften Jugendlieblichkeit einen merkwürdigen Kontrast zu dem Manne.Der ist kein Romeo-Jüngling mehr, sondern eine stattliche Herrenfigur, bärtig das Haupt umrahmt, eine Vaterfigur fast der kindlichen Frau.Seine beringte Rechte krallt sich im Todeskampf in die schwarze Blutfarbe seines Mantels - die Tönung setzt sich fort in Mieder und Unterkleid des Mädchens.Der Abschied vom Leben vollzieht sich in der Umarmung durch das farbig-naturprangende Leben, und fern im dunklen Hintergrund spielt, der Zeitfolge nicht achtend, mit dem Schleiermantel das Löwentier, das, ohne zu töten, zwiefachen Tod brachte.Der mythische Maulbeerbaum ist aber aufgegangen im deutschen Wald.

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