Kultur : Boah, Tannenbaum

Bodo Mrozek

Frage: Wie feiert ein Hardrockfan Weihnachten? Antwort: Er singt. „Ey, Tannenbaum“ und „Boah, du Fröhliche.“ Zugegeben, der Witz ist nicht ganz aktuell. Denn Hardrock gilt mittlerweile als ein Phänomen, dass sich von den Rändern der Gesellschaft allmählich in deren Mitte vorgearbeitet hat. Viele Menschen stehen heute offen zu dieser Musik. Mit Weihnachten sind wir noch nicht ganz so weit, jedenfalls in der Musik- und Clubwelt.

Hartnäckig haftet dem Fest der Liebe in seiner popkulturellen Verbrämung der Ruch des Kommerziellen an. Die Popmusik scheint dies auch zu bestätigen. Elvis am Kamin, Phil Spector im Schlitten, Brenda Lee vor Schneeflocken oder das zuckergussartige Geheule von Wham: Kaum ein Musiker lässt sich das Jahresendgeschäft entgehen. Allüberall blinken die Werbungen der als Mega-Hitsingles angepriesenen Lieder über Schnee und Eis, kein Plattenkonzern, der nicht eine Weihnachtsplatte oder besser einen X-mas-Seller feil bieten würde.

Auch im Nachtleben ist die heilige Nacht umstritten. Kitsch ist nicht jedermanns Sache, andererseits rückt man ja gerade in der Stadt der Singles zusammen, wenn die Nächte kalt sind und Knecht Ruprecht schaurig in den Schornsteinen heult. Glühwein sollte dennoch meiden, wer ernsthafte Tanzabsichten hegt und nicht vorzeitig vor die Tür gesetzt werden will. Bleibt die Musikfrage. Die Saisonware Weihnachtsmusik sollte man eigentlich den Lautsprecherboxen der Einkaufszonen überlassen. Dort darf Rudolph, das triefnasige Rentier seine Lefzen blecken, und die Jingle Bells klingen uns wie ein verspäteter Tinnitus bestimmt noch Ende Januar im Gehörgang.

Was also tun in der Nacht vor der Nacht? Folgende Faustregel sollten Sie am 23. Dezember unbedingt beachten: Meiden Sie alle Partys, die das X-Wort im Titel führen. Gehen Sie nicht auf den X-mas-Hop im Tabou Tiki Room mit DJ Mordix Mokum (Maybachufer 39) , auch nicht auf die X-mas Murder-Party im White Trash mit den Ugly Americans und Infamis (Schönhauser Allee 6/7) und auch nicht zum Rock around the X-mas Tree in den Magnet Club (Greifswalder Str. 212) . Setzen Sie keine Weihnachtsmannmütze auf und kleben Sie sich keinen lustigen weißen Rauschebart an. Seien Sie vernünftig und singen Sie lieber zuhause ein Lied oder zwei. Falls Sie Hardrockfan sein sollten, wissen Sie, wie das geht.

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