Bob Geldof : "Sie hat meine zerfetzte Seele geflickt"

Bob Geldof gibt im Interview mit dem Tagesspiegel ultimative Ratschläge fürs Leben: Fluche nicht. Trage coole Schuhe. Ignoriere das Internet. Höre Musik nur im Auto. Sei kindisch!

Sir Bob Geldof wurde als Sänger der Boomtown Rats und später als Erfinder von "Band Aid" weltbekannt.
Sir Bob Geldof wurde als Sänger der Boomtown Rats und später als Erfinder von "Band Aid" weltbekannt.Foto: Mike Wolff

Mr. Geldof, Nick Cave steht jeden Morgen um halb sechs auf, es heißt, nur in der Frühe könne er konzentriert arbeiten, und …

… das erklärt einiges!

Sie sind kein Frühaufsteher?

Nein. Und vor drei Tassen Kaffee läuft bei mir gar nichts.

Frühstücken Sie auf englische Art?

Eier und Speck – der Nektar der Götter, es gibt nichts Besseres.

Dazu „Sun“, „Guardian“ oder „Times“?

Die Meinungsseiten der „Financial Times“. Die drucken so viele kluge, bevormundungslose Analysen. Manchmal lege ich mir einen Artikel zur Seite, um ihn später am Tag noch mal zur Hand zu nehmen. Das wirkt auf mich wie eine intellektuelle Ohrfeige.

Elektrisieren Sie Nachrichten und gutes Essen inzwischen mehr als Musik?

Das auch wieder nicht. Es gibt kaum ein anderes Medium, das Gefühle besser kanalisiert als Musik – mal abgesehen von Sprache und Dichtung. Stellen Sie sich doch bloß mal vor: Ich habe eine leise Ahnung von etwas, daraufhin strömen allerlei Chemikalien durch das Gelee …

Bitte?

Mein Gehirn. Das Geräusch, das aus meinem Mund kommt, fließt unmittelbar in Ihr Gelee, und wenn Sie wollen, können Sie darauf reagieren. Das ist verdammt noch mal bizarr und großartig. Sprache wandelt sich permanent, vor allem im Rock ’n’ Roll.

Die größte Erfindung der Rock-’n’-Roll-Sprache?

A-Wop-Baba-Luba-A-Wop-Bam-Boom. Oder Don’t step on my blue suede shoes. Das hat ja gleich mehrere Bedeutungen: 1. Alter, ich hab’ Schuhe. Ich bin kein verdammter Bettler. 2. Sie sind aus Wildleder. Ich bin nicht irgendwer, ich hab’ Stil. I’m fairly fuckin’ cool. 3. Schau genau hin: Sie sind blau. Blau! Ich bin ziemlich verrückt, also leg dich besser nicht mit mir an. 4. Es ist 1956 …

… 1956 waren Sie ein fünfjähriger Knirps. Wann war der kritische Punkt erreicht, an dem Sie anfingen, auf eine Gitarre zu sparen?

Meine erste Gitarre war nur ausgeliehen. Ich bin so schlecht in der Schule gewesen, dass mein verzweifelter Vater mich auf ein Internat geschickt hat. Aber auch dort verhielt ich mich gelinde gesagt unkooperativ, weigerte mich zum Beispiel, am Sportunterricht teilzunehmen. Einer der Jungs aus meinem Schlafsaal, Justin, hatte eine Gitarre, also fragte ich, ob ich sie mir mal ausleihen dürfe. Er stimmte zu, doch das Problem war: Ich bin Linkshänder. Dass ich die Saiten andersherum aufziehe – dagegen hatte Justin dann doch etwas. Aus der Not heraus lernte ich seitenverkehrt und rückwärts spielen. Das mache ich heute noch so.

Mit welcher Musik haben Sie angefangen?

Mein erster Song war „Substitute“ von The Who, weil das schön langsam war. Außerdem greift man das A als Links- und Rechtshänder gleich. Nur das mit dem D und E begriff ich nicht. Dingdedeling, You – think – we – look – pretty – good – together! Ich dachte, fuck, ich klinge wie Pete Townshend. Mich hat vor allem der Blues interessiert. Aber es muss so schräg geklungen haben, dass mich einer der Aufsichtsschüler dafür windelweich geprügelt hat.

Van Morrison, Ire wie Sie, hat einmal gesagt: „Als ich den Blues zum ersten Mal hörte, hat sich mein Leben verändert.“

Blues ist, wenn dein Innerstes singt. Meine Schwester nahm mich zu Konzerten von Dylan, den Stones und den Beatles mit. Ich mochte die Stones am meisten, die Beatles waren eine Boyband für Mädchen, Dylan war für Studenten. Aber die Stones waren das Richtige für Jungs wie mich. Die wirkten immer so, als seien sie einfach mit ihren ganz normalen Klamotten auf die Bühne gelaufen, das gefiel mir. Und wie laut die waren! Mick und Keith hämmerten uns damals ein: „Vergesst uns. Ihr müsst Howlin’ Wolf und Muddy Waters hören.“ Ich war nun erst elf und dachte: Sprechen die von Lebewesen – oder doch von Wetterphänomenen?

Wie fanden Sie die Antwort?

Durch Recherche im Plattenladen. Im Süden von Dublin hatten die Gebrüder George und John Murray ihr Geschäft. Ich also rein: Hey, habt Ihr schon mal was vom holy wolf gehört? Die nickten und legten „Smokestack Lightning“ auf – Blues-Freaks, wie die nun mal waren. Danach wollte ich wissen, wer dieser Muddy Waters ist, und plötzlich verstand ich den Zusammenhang zwischen den Stones und dieser Musik. Am Ende des Tages erzählte Bob Dylan immer von diesem Woodie Guthrie, also fragte ich die Murray-Brüder, ob ich das auch mal hören darf.

Sie haben also nur Musik gehört und nie etwas gekauft?

Ich hatte ja kein Geld. Den Brüdern war es auch egal, die waren damals dabei, im Keller ihres Ladens ein Café einzurichten: ganz in Schwarz, mit der besten Jukebox der Welt … Sagen Sie mal, nehmen Sie unser Interview mit diesem iPod hier auf?

Ja, warum?

Haben Sie etwa mein Album als Download von der Plattenfirma bekommen?

Nein, als CD.

Dann ist ja gut. Die Qualität einer CD ist immer noch ein bisschen besser als die einer mp3.

Ihre Musik, die oft improvisiert und vorläufig wirkt, braucht den perfekten Sound?

Natürlich nicht. Aber wir haben uns im Studio so viel Mühe gegeben, da wäre es doch schade, wenn Sie das gar nicht hören könnten. Außerdem musste ich für meine erste Nummer eins 690 000 Platten verkaufen – und das nur, um an die Spitze der Hitparade zu gelangen. Wenn so viele Menschen den Aufwand betreiben, aufzustehen und in den Plattenladen zu gehen, hat das eine ganz andere Wertigkeit, als mal eben vor dem Rechner etwas runterzuladen. Heute genügt ein Bruchteil, um ganz nach oben in die Charts zu schießen.

Wie hören Sie gemeinhin Musik? Im Ohrensessel?

Wenn ich meinen Freunden oder meinen Kindern eine Platte vorspielen will, müssen die immer ins Auto kommen. Ich setze mich natürlich ans Steuer, obwohl wir uns gar nicht fortbewegen. Ich hab’ diesen Toyota Lexus, der hat vier Lautsprecher – im Innenraum eines Autos kommt der Sound sehr nah und unmittelbar rüber. Aber auch, wenn ich fahre, untermalt das Rauschen der Räder den Klang. Schön. Wie das gute, alte Vinyl.

Mit den Boomtown Rats haben Sie den Wechsel von der Schallplatte zur CD miterlebt. Das muss für Sie schrecklich gewesen sein!

Vinyl hat eindeutig den besseren Klang, das wird Ihnen jeder Toningenieur bestätigen. Die Bandbreite ist viel größer. Eines unserer Alben war übrigens die 11. CD, die überhaupt produziert wurde. Ich jammerte: Wir machen doch hoffentlich auch eine Platte? Und die so: Ja, ja. Aber das ist echt vorbei, Bob. Und ich: Wir klingen auf CD zu höflich! Toll, wenn wir die Dire Straits oder Pink Floyd wären. Aber wir sind doch die Rats! Ich beschwerte mich, wo ich ging und stand, über diese neue Technologie. Nichts ist besser als das Geräusch, wenn eine Nadel Plastik berührt.

Keiner hat auf Sie gehört?

Viel später, als wir ein weiteres Album mit den Rats aufgenommen haben, hingen wir einmal total gelangweilt im Studio rum. Dort lag das unvermeidliche Magazin „Studio Engineer“ aus, und Herrgott, ich war so angeödet, dass ich es gelesen habe. Und da stand dann, wie zum Beweis: CDs geben viele Frequenzen gar nicht erst wieder, von denen die Techniker annehmen, dass der Mensch sie sowieso nicht wahrnehmen kann. Ich denke, okay, wir können sie vielleicht nicht hören, aber fühlen.

Wie kommen Sie an neue Musik?

In London höre ich die Alternative Music Station, aber nicht, weil ich ein groovy Dad sein möchte. Am meisten fasziniert mich: Musik kann noch so neu sein, es sind immer dieselben drei Akkorde, gepaart mit einer individuellen Empfindsamkeit. Ich weiß sofort: Das ist Müll, das ist Müll, das ist gut.

Zum Beispiel?

Die letzten Aha-Erlebnisse hatte ich bei Nirvana, Amy Winehouse, den Arctic Monkeys und den White Stripes.

Das ist auch schon wieder eine ganze Weile her.

Ja, ich weiß. Seitdem gab es nichts.

Abonnieren Sie Musik-Magazine?

Oh, die lese ich nicht mehr. Als ich 17 war, war der „NME“ die Bibel für mich. Jeder wollte drin sein. So was lockt doch keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Ein Urteil des „NME“ hat keine Auswirkung auf ein Lebensgefühl oder Verkaufszahlen.

Erfüllen heute Blogs diese Funktion?

Glaube ich nicht. Das Netz ist voller unerträglicher Langeweile. Die Typen, die sich dort groß zu Wort melden, sind genau die, die man im Pub besser ignorieren sollte. Kennen Sie diese Typen, die nur rumnölen und schlechte Laune verbreiten?

Wo wir gerade über schlechte Laune sprechen: Der Kritiker des „Independent“ gab Ihrer neuen Platte nur zwei Sterne von fünf und endet mit dem Satz: „Schön für ihn, dass er noch ein Hobby hat.“

Das ist wieder dieser Andy gewesen, der hasst mich schon seit Jahren! Ich hab’ ihm schon mehrmals in aller Öffentlichkeit gesagt, dass er sich verpissen soll. Die „Times“ und der „Telegraph“ meinten, dies sei eine der interessantesten Platten seit Jahren. Außerdem ist sie für fünf Preise nominiert. Das ist meine Antwort.

Die BBC urteilte: „Endlich fühlt er sich wieder wohl in seiner Haut.“

Ja, das haut hin. Trotzdem nervt, dass die Kritiker mehr an meiner Person interessiert sind als an meiner Musik. Die besprechen die Songs als Ausdruck der Boulevard-Figur, die sie zu kennen glauben.

Wenn man Ihre vorherige Platte hört – „Sex, Age & Death“ von 2001 –, scheint es wirklich so, als hätte die BBC recht.

Es dauert halt acht oder neun Jahre, einen Menschen wiederherzustellen. Ich mag „Sex, Age & Death“, aber die Aufnahme katapultiert mich direkt wieder hinein in diesen endlosen Schmerz, dieses Universum aus Trauer und Verlust.

Sie sprechen von dem Drogentod Ihrer Ex-Frau Paula Yates im Jahr 2000, die Sie 1995 nach 16 Jahren Beziehung und drei gemeinsamen Kindern wegen des Sängers Michael Hutchence verlassen hat.

Meine Familie und mich hätte das fast zerstört. Der Schmerz hielt beständig an. Das Schlimme war, ich hatte keine Ahnung, wann es enden würde. Mir fehlte jegliche Kraft, überhaupt weiterzumachen. Freunde mahnten, ich solle langsam mal über Paulas Tod hinwegkommen. Doch ich stand im Tal und konnte die Gipfel dieses Riesengebirges aus Trauer nicht erkennen, geschweige denn buchstäblich darüber hinwegkommen.

Was hat Sie gerettet?

Freunde. Die helfen einem ja auf die unmöglichsten Arten. Pete, mit dem ich seit den Boomtown Rats zusammenarbeite, kam einfach vorbei, setzte sich aufs Sofa und sagte gar nichts. Ihm war es auch egal, was ich gemacht habe. Er saß da einfach herum, und nach einiger Zeit meinte er, wenn du dich danach fühlst, etwas aufzunehmen: Ich stehe bereit. Meine Energielosigkeit kann man auf „Sex, Age & Death“ hören. Auch Jeanne, meine Frau, hat mich gerettet. Ich habe sie in Paris bei einem Essen kennengelernt, zu einer Zeit, in der ich so gar nicht liebenswürdig war. Doch Jeanne hatte sich dazu entschlossen, mich zu lieben. Da hatte ich keine Chance und liebte sie zurück. Sie hat meine zerfetzte Seele geflickt.

Zum Beweis haben Sie euphorische Songs wie „Silly Pretty Things“ und „Dazzled By You“ geschrieben. In einem Video springen Sie auf einem Trampolin herum wie ein Schuljunge. Ganz schön albern.

Kindisch, was? Aber ist das nicht ein schönes Gefühl: Es ist Frühling, die Welt dreht sich, du wirst geliebt und niemand macht was kaputt?

Die Unterschrift Ihres Album-Titels, „58 ½ Years“, verweist direkt auf Ihr erstes Lebensjahrzehnt.

Als Kind ist es von ungeheurer Wichtigkeit, schon 7 ¾ zu sein. Irgendwie sieht man die Jahre nur noch aufblinken wie Lampen entlang der Autobahn.

Johnny Cash hat für seine Tochter Rosanne eine Liste mit 100 Songs geschrieben, die er für die besten hielt. Haben Sie so etwas auch gemacht?

Nein, meine Töchter haben alle ein ausgezeichnetes Gespür für Musik. Nur als sie sehr jung waren, war ich etwas besorgt. Da lebten sie in einer Spice-Girls-Welt, an ihren Zimmern hingen riesige Union Jacks. Ich musste sie sogar ins Kino bringen und zusammen The Spice World gucken.

Der wichtigste Schlachtruf der Spice Girls war „Zigazig-Ha“. Ihre Interpretation?

Das ist Pop! Auch auf die Gefahr hin, als Idiot dazustehen: Das große Ding der Spice Girls war Girl Power. Wenn du ein achtjähriges Mädchen bist, ist das nicht schlecht, wenn dir die Idee eingepflanzt wird, dass du alles schaffen kannst.

Zum Beispiel David Beckham zu heiraten.

Er ist ein Fußball-Genie, Victoria kein Musik-Genie. Man kann ja auch schlecht zwei Genies verkuppeln, das würde nicht funktionieren.

Wann endete die Spice-Girls-Phase?

Mit Eminem. Meine Plattenfirma hatte mir sehr früh ein Band von ihm zugeschickt, noch bevor sie ihn unter Vertrag genommen hatte. Es war eine komplett neue Stimme, komplett neue Musik. Die Mädchen haben ihn sofort geliebt. Außerdem war es cool, dass er ständig „Motherfucker“ sagte.

Sie fluchen auch in fast jedem Satz, das dürfte also für Ihre Töchter nichts Neues gewesen sein.

Hey, ich verbiete ihnen natürlich das Fluchen!

Mit welcher Begründung?

Keine Begründung. Ihr tut, was ich sage. Ich bin euer Vater. So funktioniert Autorität.

Empfehlen Ihre Töchter Ihnen Musik?

Ja, meist Bands ihrer Freunde. Das ist okay, aber die Geschichte muss deswegen nicht neu geschrieben werden. Heute gibt es kaum jemanden, der keine Band hat: Jeder kann seine eigene Platte zu Hause aufnehmen und ein tolles Booklet am Küchentisch produzieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt eine Billion bessere Songwriter als mich, ich muss da nicht mehr mitmischen. Das Problem ist nur: Keine dieser jungen Bands hat mehr etwas zu sagen. Finden Sie mich jetzt selbstgefällig?

Interview: Esther Kogelboom

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