Kultur : Bobergs Kunstvermittlungs-Institut: Wir können auch alles

Michael Zajonz

Nein, auf den Mund gefallen ist dieser Mann nicht. Ob im Podiums-small talk mit Manfred Stolpe oder im persönlichen Gespräch - Jochen Boberg, der promovierte Kunsthistoriker, führt die Diskussionspartner so lässig elegant an der Leine, dass sie es kaum wahrnehmen. Ein Vertreter-Typ, der Versicherungen oder Heilslehren unters Volk bringt, ist er zwar nicht, doch verkauft auch der Direktor des Museumspädagogischen Dienstes Berlin (MD) seit 1980 Immaterielles. Mit 17 festen und 70 freien Mitarbeitern bewirbt er das Bildungs- und Kulturgut Museum. Ohne Berührungsängste: E oder U - für Boberg keine Frage.

Unsere Wahrnehmung öffentlicher Musentempel hat sich gewandelt. Beim sonntäglichen Museumsbesuch ist es längst nicht mehr mit zwei Stunden freier Zeit und dem Erwerb einer Eintrittskarte getan. Die gute alte Sonderführung erhält Konkurrenz: Ob Audioguide, 3D-Animation, begleitendes Filmprogramm oder thematischer Sommernachtsball - keine Großausstellung, die ohne solche Ergänzungen auskommt. Museumsleute selbst jedoch fühlen sich mit der Organisation didaktischer Handreichungen und intelligenter Unterhaltung oft überfordert. Hier öffnete sich die Marktlücke für Bobergs Kunstvermittlungs-Institut.

Partizipiert der 1980 als Produzent "kulturpädagogischer Angebote" gegründete MD von der explodierenden Festival- und Eventkultur. Museumspädagogik in ihrem sozialen Impetus ist ein echtes Kind der 70er Jahre. Zunächst ging es einmal darum, das häufig spröde dargebotene Sammlungsgut differenziert, aber mittels Spaßfaktor nahe zu bringen. Als Synonym dieses volkstümlichen Anspruchs gilt in Berlin die seit 1997 zweimal jährlich stattfindende "Lange Nacht der Museen", die mittlerweile bundesweit kopiert wird. Mit 50 000 Besuchern und 100 gastgebenden Instituten hat die Großveranstaltung ihre Wachstumsgrenze erreicht. Wolf Kühnelt, der "Erfinder", erhofft sich nunmehr eine "Stagnation auf hohem Niveau".

Die Mitarbeiter des MD produzieren Ausstellungskonzepte, geben international beachtete Periodika wie das Museumsjournal heraus, koordinieren die Werbung für das Preußenjahr 2001 und veranstalten 900 Führungen pro Jahr. Boberg: "Wir haben schnell gelernt, mit allen verfügbaren Mitteln und Medien die Berliner Museen für die Öffentlichkeit zu erschließen." Seine Firma funktioniert als Durchlauferhitzer für Talente und Ideen, braucht allerdings nach wie vor den Einsatz idealistischer Kärrnerarbeit: Bianca Christie etwa entwickelte seit 1980 ihr Führungsprogramm für Kinder. Derzeit ermöglichen 14 freie Mitarbeiter - zumeist arbeitslose Kunsthistoriker und -erzieher - jährlich 25 000 Kindern das oft erste "Abenteuer Museum".

Da die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz selbst erfolgreich Veranstaltungen für Kinder anbieten, ist das kein Zukunftsmarkt: Zunehmend stellt der MD deshalb solch eher unspektakulären Aktionen aus dem Feld seiner Kernkompetenz schnittige Attraktionen für große Kinder zur Seite. Demnächst organisiert man einen "Wissenschaftssommer", kürzlich wurde gar der "Grundstein" für ein mit den "Partnern für Berlin" kreiertes Stadtfest in der Spree versenkt: eine reine Traditionserfindung, geplant für die lokalpatriotische Ewigkeit.

Berlin taucht tanzend ab - und redet notgedrungen übers Geld. Doch auch unter finanziellen Aspekten steht der MD gut da. 2,6 Millionen schießt der Senat jährlich zu; 700 000 Mark müssen erwirtschaftet werden. 1999 waren es sogar 200 000 Mark mehr. Der größere Teil des Haushalts von über 8 Millionen finanziert sich aus Drittmitteln. Ausgiebig profitierte man vom scheinbar nie versiegenden Füllhorn der Berliner Lottostiftung, die bislang pro Jahr ein größeres Projekt ermöglicht hat.

Der Museumspädagogische Dienst, eine nachgeordnete Einrichtung der Senatskulturverwaltung, sähe sich gern als dienstleistungsorientierte Stadtmarketing-Agentur: einerseits zu wirtschaftlichem Handeln verpflichtet, andererseits noch mehr an den Einnahmen beteiligt. Seit drei Jahren wird über eine privatrechtliche Geschäftsform diskutiert - bislang ergebnislos. In jedem Fall scheint Expansion das Gebot der Stunde. Zu fragen bleibt allerdings, ob Berlin einen weiteren kulturellen Herzschrittmacher neben den Festspielen braucht. Unter Profilierungsdruck stehen Boberg und seine Mannschaft allemal.

Christoph Richards, Leiter der ebenfalls 1980 gegründeten Abteilung Besucherdienste der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, formuliert sogar grundsätzliche Kritik am kollegialen Verhältnis der Konkurrenten auf dem Kulturvermittlungsmarkt. Zuweilen erinnern ihn die Selbstdarstellungskünste des MD fatal an "Etikettenkleberei", wie Erfahrungen mit der "Langen Nacht der Museen" gezeigt hätten. Sie werde häufig allein als Projekt des MD wahrgenommen. Hier artikuliert sich natürlich auch die Angst Davids vor Goliath. Richards stehen für die Betreuung aller 17 Stiftungs-Museen ganze 450 000 Mark zur Verfügung, mit denen selbst die Beschriftung der Dauerausstellungen finanziert werden muss. Sein Fazit: Kooperation künftig als Geschäft in Augenhöhe, vorrangig sei die Stärkung des eigenen Profils. Belebende Konkurrenz?

Auch im Brandenburgischen regt sich vorsichtig Widerspruch gegen die Organisation Boberg. Seit dem Fontane-Jahr 1998 mischen Berlins museumspädagogische Großstadtindianer mit ihrer urbanen Verführungstaktik im kulturell strukturschwachen Flächenland mit. Für die gemeinsame Landesausstellung im Preußenjahr sucht der MD nun im Auftrag des Potsdamer Kulturministeriums die Brandenburger für die kulturellen und touristischen Angebote des Preußenjahrs zu interessieren. Nicht immer sonderlich geschickt, heißt es in Potsdam. Doch Stolpe und Diepgen ließen bereits vor Monaten unisono durchblicken, hier stehe ein Testfall der 2009 geplanten Länderfusion an. Bei soviel politischer Symbolik kam offenbar die Detailabsprache zwischen den Kulturverwaltungen zu kurz: Der MD sah sich in der Gesamtleitung des Unternehmens; Gert Streidt, Projektleiter der Dachkampagne "Kulturland Brandenburg 2001", ging "von einem Modell gleichwertiger Partnerschaft aus".

Bei der für das nächste Jahr geplanten Kampagne "Klassik und Romantik" jedoch soll es - so versichern alle Beteiligten - von Anfang an besser laufen. Das Beispiel Brandenburg lässt ahnen, wie schwierig die Gratwanderung zwischen kulturpädagogischer Denkfabrik und ökonomisch handelnder Eventbörse in der Praxis sein wird. Erlauben Status und Substanz des MD eine Qualifizierung beider Richtungen? Finanzielle Schubkraft wie propagandistisches Sendungsbewusstsein sind zweifellos vorhanden. Ob Jochen Boberg, der wortmächtige 68er vom Dienst, dieses New Economy-Wunder an der Berliner Kultur vollbringen wird, bleibt abzuwarten. Die Frage, ob man alles tun muss, wozu man technisch in der Lage ist, hat längst auch das verkaterte Berlin erreicht.

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