Bode-Museum : Helden der Wiedervorlage

John Flaxman und die Renaissance: Das Bode-Museum zeigt einen Meister des Klassizismus im Dialog mit Masaccio und Donatello.

Jens Hinrichsen

BerlinEin Riss geht durchs Relief. Genauer: Eine vertikale Kittspur markiert den Zwischenraum zwischen den drei Königen und Maria mit dem Jesuskind. „Wir wissen nicht, wann die Tafel zerbrochen ist“, sagt Julien Chapuis, Leiter der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen. Er berichtet, wie die Anbetungsszene 2003 in London noch in zwei von einem Rahmen umfassten Hälften versteigert wurde. Experten hielten das auf die heilige Begegnung konzentrierte Relief damals für ein Werk der Moderne, bis sich erwies: Es stammt von John Flaxman (1755–1826), einem vor allem in England geschätzten Bildhauer des Klassizismus.

Als Leihgabe für ein Jahr ist Flaxmans feinsinnige „Anbetung der Könige“ (ca. 1792–1794) jetzt aus einer britischen Privatsammlung nach Berlin gelangt. Das 23 Zentimeter hohe und 43 Zentimeter breite Marmorrelief steht im Zentrum einer Kabinettausstellung des Bode-Museums, die neben Flaxmans Vorstudien mit Glanzlichtern der Skulpturensammlung und der Gemäldegalerie prunkt: Donatellos „Pazzi-Madonna“-Relief und Masaccios Miniaturmalerei „Anbetung der Könige“ zeigen den Einfluss der italienischen Frührenaissance auf Flaxman.

Eine Premiere. Zweieinhalb Jahre nach Wiedereröffnung des Hauses findet die erste Sonderausstellung statt. „Ganz nach dem Geschmack von Wilhelm von Bode“, betont Bernd Wolfgang Lindemann, Direktor der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung, im Hinblick auf die kunsthistorischen Verbindungslinien. Das Thema „John Flaxman und die Renaissance“ wird exemplarisch aufbereitet.

So reiht sich auch die herrliche „Pegasus-Vase“ von Wedgwood – sonst im Potsdamer Marmorpalais – in die Präsentation ein. Der Entwurf stammt von Flaxman. Die „Apotheose des Homer“ zeigt ihn als Illustrator klassischer Heldensagen. Deutsche Bewunderer waren regelmäßig erstaunt, wenn sie Flaxmans Londoner Atelier betraten: Der große Zeichner war auch ein herausragender Plastiker, außerdem der erste Professor für Bildhauerei an der Royal Academy.

Flaxman ist mit Winckelmanns Antiken-Rezeption bestens vertraut, als er 1787 nach Italien reist. In Pompeji und Herculaneum intensivieren Archäologen gerade die Grabungen. Seine Begeisterung für die Frührenaissance fällt mit einem neuen Interesse für diese Phase der Kunstgeschichte zusammen.

Der Klassizist hat Masaccios flächig gedrängte „Anbetung“ (1426) gekannt. Vor allem weist Donatellos Marmor-Madonna mit Kind (ca. 1420) eine innere Verwandtschaft beider Reliefs über eine Spanne von dreihundert Jahren auf. „Solche europäischen Traditionsbezüge bekommen hier eine zutiefst menschliche Dimension“, betont Julien Chapuis. Die „Pazzi-Madonna“ zählt zu den bedeutendsten Berliner Skulpturen. Anlässlich seines vorläufigen Umzugs ins obere Stockwerk wurde das edle Stück neu restauriert. Die Risse auf dem Katalogfoto – der Donatello ist sogar in mehr als zwei Teile zerbrochen – sind im Original kaum mehr sichtbar.

Bode-Museum, Museumsinsel, bis 12. Juli; täglich 10–18 Uhr, Do bis 22 Uhr.

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