Kultur : Bodentruppen des Pragmatismus

Caroline Fetscher

Zwischen großem Geld und großer Kunst, Deutscher Bank und Deutschem Guggenheim, spannt sich Unter den Linden ein gewaltiges, postmodernes Atrium. Hier hallt die Stimme, jedes Wort wird weit. Am Montagabend war in diesen Raum, dem "Foyer der Deutschen Bank", der politische Philosoph Michael Walzer geladen. Eingeladen hatten den amerikanischen Professor die Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog, das Berliner Einstein-Forum und die Deutsche Bank. Und die Kulturelite der Hauptstadt war dem Ruf gefolgt.

Michael Walzer hat einen Resonanzraum wie diesen eigentlich gar nicht nötig. Widerhall finden seine Thesen ohnehin, von Harvard bis Princeton. Charmant nähert er sich in Berlin einem keineswegs charmanten Thema: "Der Triumph der Theorie vom gerechten Krieg - und die Gefahren des Sieges". Als sich Walzer 1977 im Rückblick auf Vietnam mit dem "gerechten Krieg" befasste, ging es noch darum, die Legitimationsstrategien der USA zu hinterfragen. Inzwischen, das führt Wolf Lepenies anfangs aus, haben sich Begriff und Kritik, entscheidend gewandelt. Walzer gehörte Mitte Februar, mit Francis Fukuyama und Samuel Huntington, zu den 60 Unterzeichnern eines Offenen Briefes, der den "gerechten Krieg" nicht nur akzeptiert, sondern sogar fordert. "Die deutsche Kritik daran war harsch", erklärt Lepenies, "doch sie ist notwendig."

Nie habe er, sagt Walzer lächelnd, "einen Appell mitunterzeichnet, der sogar Fußnoten hat!" So gedeiht sein Vortrag zu der vielleicht längsten Fußnote des umstrittenen Manifests. Dieses setzt sich für Menschenwürde und Demokratie ein, gegen Sexismus und Rassismus: "Wir anerkennen, dass jeder Krieg schrecklich ist und das Resultat des politischen Versagens von Menschen darstellt". Dann konzedieren die Unterzeichner: "Doch die Vernunft und die moralische Abwägung lehren uns, dass es Zeiten gibt, in denen die erste und wichtigste Reaktion auf das Böse sein muss, es zu stoppen."

Krieg als ultima ratio? Stammt der Appell etwa von Revisionisten? Hofphilosophen? Walzer leuchtet zurück in die Geschichte, etwa in eine Versammlung von Professoren an der Universität Salamanca im Jahr 1520. Dort hatte man befunden, die Eroberung Südamerikas sei ein ungerechter, mithin nicht zu rechtfertigender Krieg. Als Topos ist der gerechte Krieg alt, seine Kriterien ebenso: Das Ziel muss sein, Frieden zu bringen ("Pax Romana"), Kriegsverbrechen - Raub, Plünderungen, Gewalt wider Zivilisten - sind untersagt. Aber "Staaten konstruieren gerechte Anlässe, wo und wie sie wollen", diagnostiziert Walzer.

Dass es den gerechten Anlass geben kann, dass er etwa im Fall Kosovo oder Afghanistan gegeben war, daran lässt Walzer keinen Zweifel. Um ihn zu führen, muss man sich jedoch in der nachprüfbar moralisch stärkeren Position befinden. Walzer begrüßt daher, dass für das moderne Militär demokratischer Staaten das Kriterium "Gerechtigkeit" entscheidend geworden ist. Mit dem Fortschritt des Menschenrechtsdenkens wird der beobachtete Rückschritt oder das Defizit unerträglich, er avanciert zum Skandalon. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen. Hier ist Walzer pragmatischer Moralist, der von verfeinerten Skrupeln und theoriegeleitetem Zögern nichts hält. Wo es brennt, muss man löschen, ohne zuerst über die Ursache des Feuers zu debattieren. Für verwerflich hält Walzer auch die Idee, bei einem gerechten Krieg dürften die Interventionisten keine Menschenleben riskieren. Minimieren dürfe man das Risiko, ja, aber ausschließen könne man es nicht.

Ebenso verwerflich wäre es, das befriedete Afghanistan nach dem Militärerfolg allein zu lassen. Wer Demokratisierung will, muss auch später weiterhelfen, so Walzer.

Das Lager seiner Kritiker teilt der Denker in zwei Sektionen: Die "idiotische Linke" und die puristischen Pazifisten. Die einen sind von Relativismen und Verschwörungstheorien geleitet, die anderen wollen im Zustand der Unschuld verharren. Vor Walzers Augen hat beides keinen Bestand. Dennoch schließt er: "Krieg bleibt eine zweifelhafte Sache, deshalb muss er unter konstanter Beobachtung bleiben." Applaus.

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