Kultur : Bodo Kirchhoff: Parlando: Nachtflüge sind immer ein kleines Verlottern

Katrin Hillgruber

Menschen wie Karl Faller brauchen leichtes Gepäck und ein gutes Haarspray. Bei der Verfilmung von Bodo Kirchhoffs Roman "Parlando", einer großen Herausforderung, böte es sich an, diese von der Herstellerfirma des Haarsprays "Drei Wetter taft" sponsern zu lassen. Frankfurt am Main, neun Uhr, Nieselregen - die Frisur des frisch entlassenen Untersuchungshäftlings Faller sitzt. Lissabon, zwölf Uhr mittags, stürmischer Atlantikwind - dito. Buenos Aires, 22 Uhr, dreißig Grad Hitze - der mutmaßliche Façonschnitt des Kosmopoliten sitzt. Erst in Mexiko City wird er sich die Haare streichholzkurz raspeln lassen, zur Verblüffung seiner zwei Geliebten, einer Berberin und einer deutschen Staatsanwältin. Souverän pendelt der Held im Taxi zwischen ihnen hin und her. Schon lange ist bei Kirchhoff die Frage nach den Schauplätzen die entscheidende, weniger die nach dem Inhalt. Sein letzter, von Verlagsseite massiv zum Erfolgsbuch emporgestemmter Roman "Infanta" (1990) war auf den Philippinen angesiedelt.

Neue Stadt, neue Frau

"Die Flughafenmelodie, ein sanfter Dreiklang, der allen Ansagen vorausging, holt ihn aus seinen Gedanken." Dieser Satz aus Kirchhoffs erstem Roman "Zwiefalten" von 1982 schlägt einen Grundakkord an: Immer wieder geht es einem Frankfurter Alter Ego des Autors um die Suche nach dem Ich und die Flucht vor ihm, und das möglichst auf Interkontinentalflügen. Die neue Stadt, die neue Frau: Beide verlieren ihren Reiz, sobald sie der unstete Narziss, der Handlungsreisende in Sachen Identitätsfindung, erreicht und erobert hat - ein monotones Muster.

Mit Karl Faller, von schulpflichtigen Eltern auf der Klassenreise nach Rom gezeugt, geboren am 20. Januar 1965, hat sich die Generation der Kirchhoffschen Helden schlagartig verjüngt. Auch er verfügt über jenen maskulinen Spieltrieb, der jedoch nur Leerlauf durch Großspurigkeit kaschiert: "Nachtflüge sind immer ein kleines Verlottern wie in den Tagen leichter Kinderkrankheit, von der Schule befreit und doch unfrei, [...] und meine Gedanken, wenn ich mir überhaupt welche gemacht hatte zwischen Buenos Aires und Frankfurt, waren auch nur eine Art Spätprogramm, privates TV."

So geht das in endlosen Parataxen weiter, atemlos voraneilend: Nachtflüge, Nachtfahrten, Nachtfluchten, um der eigenen Gesellschaft oder einer wie auch immer gearteten Schuld zu entkommen. Denn neben Eros und Reisen ist die tatsächliche oder vermeintliche Schuld Karl Fallers, des "Selbstbezichtigers", das zentrale Thema. In der Neujahrsnacht 2000 wird er bewusstlos hinter der Frankfurter Alten Oper aufgefunden, neben ihm eine tote Frau, eine so genannte Stillsteherin. Auf der Tatwaffe finden sich seine Fingerabdrücke, weshalb er noch im Krankenhaus verhört wird - von Suse Stein, einer blonden Staatsanwältin aus dem Badischen, zuständig für den Buchstaben F. "Zu den stabilsten Verhängnissen unseres Lebens gehört der eigene Nachname", weiß Kirchhoff, der raunende Magier, wie er auch sonst den großen einfachen Dingen wie Schlaf oder Herz zugetan ist. Pathetisch, doch sprachlich bestrickend huldigt er dem Elementaren.

Die Verhöre bilden zunächst die Rahmenhandlung. Drehbuchautor Faller erzählt: Von seiner Internatszeit am Bodensee, seit der er sich am Tod eines Päderasten schuldig fühlt, davon, wie Irene, zweite Frau seines Vaters Kristian und zugleich seine, Karls, Geliebte, ins Wasser ging. Schließlich - aber da sind Karl und Suse längst ein Paar und haben den Kontinent gewechselt -, berichtet er vom Tod seiner Eltern in einer Felsschlucht über dem Gardasee. Erneut fühlt er sich verantwortlich, da er das geschiedene "peinliche Paar" an diesem Schicksalsort der Familie wiedervereint hatte. Am Gardasee ereignet sich in der Mitte des Buches dessen beklemmendste Szene. Der zehnjährige Karl beobachtet seine zerstrittenen Eltern beim Sex. Zuvor haben sie ihren Hass aufeinander in die gemeinsame Tötung einer Fledermaus umgemünzt. Bodo Kirchhoff bewies schon oft, dass er seine Freud-Lektüre episch umzusetzen versteht. Nun gelingt ihm in der Vermengung von kindlichem Blick und bedrohlichen Seeimpressionen ein dramaturgisches Kabinettstück: "Wie erschlagen lag der See da, und dunkel vom Regen, doch dreimal weiß unterbrochen von Kaskaden aus herabstürzendem Wasser, erhob sich drüben, hinter Wolkenfetzen, die Felswand, und ich wünschte mir, bestraft zu werden, wegen des Betts als Abort, während mein Blick nun hin- und herging, von den weißen Sturzwassern zu den beiden Kämpfenden und zurück, ich will das nicht glauben, wie sie da breit auf ihm sitzt, (...) nickend und lachend, eine andere Person, wahnsinnig geworden, denke ich (...)."

Der alte überlebende Sohn, die toten jungen Eltern: Karls Ego ist vom Vater geborgt, dem Reiseschriftsteller Kristian Faller. "Fallers Stadtführer für Alleinreisende" dient dem 500-Seiten-Roman als ständig abrufbarer Subtext und perfektes Alibi seiner Touristik-Passagen. "Die eigene Geschichte ist uns immer voraus, selbst bei noch soviel Erzählen kommen wir nie auf gleiche Höhe", lautet eine Kirchhoffsche Weisheit. Treffend benennt sie sowohl das Konstruktionsprinzip von "Parlando" als auch das Verhängnis des Romans. Denn schnell wird die vordergründige Kriminalhandlung fadenscheinig. Suse Stein, "emanzipierteste" Heldin dieses Autors, übernimmt die Initiative und folgt Karl nach Buenos Aires. Erstmals gilt es für ihn, Nähe tatsächlich auszuhalten.

Anlass für den Südamerika-Trip ist die Suche nach Kristian, dem fernen, vom Kind kaum erlebten Vater, einem als 68er getarnten Hedonisten. "Ich kenne Kristian; in gewisser Weise bin ich sogar sein Vater", suggeriert sich Karl, ein moderner Telemach auf den Fersen seines sagenhaften Vaters Odysseus. Dem Odysseus aus dem Frankfurter Nordend will er über das Nachfahren seiner Reiserouten und den "Besitz" seiner Geliebten näherkommen - ein hoffnungsloses Unterfangen. Eine Trophäe fehlt ihm noch: die Berberin, die Stillsteherin in Kristians Stadtführern. An ihr endlich wird Karl schuldig - ein paradoxer Befreiungsversuch.

Pärchen im Dschungel

Der Vater-Sohn-Konflikt büßt Seite für Seite seinen Reiz ein. Er wird überstrapaziert, um möglichst viele exotische Schauplätze unterzubringen. Dabei beschreibt außer Peter Kurzeck kaum jemand so schön Frankfurt am Main wie Bodo Kirchhoff - das muss man ihm lassen. Doch "Parlando" will auf Teufel komm raus Opus magnum sein, dreht und spreizt sich auf Hunderten von Seiten. Vor allem in der stark gestreckten zweiten Hälfte verlässt sich Kirchhoff allein auf das Verführungspotential seiner Sprache. Sträflich vernachlässigt er dabei die Stringenz der Handlung, den Plot.

Das Conradsche "Herz der Finsternis", wirkliche Tiefe, erreicht der ubiquitäre Langstrecken-Romancier Kirchhoff nicht, selbst wenn er sein Pärchen noch so weit in den Dschungel vordringen lässt oder am Gewittersee Psychoanalyse betreibt. Das sind einzelne Glanzpunkte, die im Gedächtnis bleiben. Bis zur nächsten Flughafenansage.

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