Kultur : Böse Bilder

Das Grauen nebenan: der Fotokünstler Thomas Demand in der Galerie Esther Schipper

Ulrich Clewing

Der Tosa erfreut sich bei Alpinisten großer Beliebtheit – wegen der „eindrucksvollen Eisrinne“, die sich vom Hochplateau der Brenta-Dolomiten über viele hundert Meter bis zu seinem Gipfel zieht und während des Aufstiegs für einen anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad sorgt. Außerdem gibt es noch den Tosa-Inu, einen japanischen Kampfhund, der wegen seines Lebendgewichtes von bis zu 70 Kilo auch „Sumo-Inu“ genannt wird. Der spielt hier aber keine Rolle, obgleich seine Ausstrahlung zum Thema passt – sonst hätte er Erwähnung gefunden in dem Kunstbuch mit gelbem Einband, welches zum neuesten Werk von Thomas Demand gehört.

Die Erfahrung zeigt: Wenn sich dieser Künstler mit einer Sache beschäftigt, dann tut er es mit Akribie. Deshalb kann man sich auch sicher sein, dass die Tosa-Klause in Saarbrücken ihren Namen von dem Berg hat und nicht etwa von dem Hund. Damit hören die Gewissheiten aber auch schon auf. Die fünf Fotografien unterschiedlicher Größe, die ab heute in der Galerie Esther Schipper zu sehen sind und jenen Bildern entsprechen, die derzeit im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zusammen mit einem jüngst wieder aufgefundenen „Apokalypse“-Zyklus von Max Beckmann gezeigt werden – sie lassen den Betrachter zunächst mit sich allein. Es gibt keine Hinweise und Erklärungen, höchstens versteckte Andeutungen. Nach und nach fällt die innere Beziehung zwischen den Fotografien auf, die wie immer bei Demand in dem lebensgroßen Pappmodell aufgenommen wurden, das der gebürtige Münchner in seinem Berliner Atelier gebaut hat (Preis auf Anfrage).

Ein mit Holzlatten vernagelter Eingang, ein frisch gestrichenes Hinterzimmer, eine fein säuberliche Theke, eine vertrocknete Zimmerpflanze und eine Mauer, an der Efeu wächst: Das sind die fünf Teile der Arbeit, der Demand einfach nur den Titel „Klause“ gegeben hat und nicht etwa „Tosa-Klause“. Das hätte es dem Betrachter bereits zu leicht gemacht, die Angelegenheit bescheidwisserisch abzuhaken. Die „Tosa-Klause“ ist der Ort eines jener Verbrechen, die das Vertrauen in den Menschen verlieren lassen, Schauplatz eines Kindermords, mutmaßlich verübt von debilen, bösen, widerlichen Gestalten, von denen sich der Normalbürger beruhigt sagen kann, dass er mit denen nichts gemeinsam hat. Um diese fürchterliche „Tosa-Klause“ geht es beim neuesten Werk von Thomas Demand eigentlich trotzdem nicht, obwohl sie den Anstoß geliefert hat. Die Kneipe mit dem harmlosen Namen war nur Gegenstand seiner detektivischen Recherchen und hat am Ende dem Künstler ihr Äußeres geliehen.

Demand geht es vielmehr um die Apokalypse, die zurückgeht auf einen wahrscheinlich im 8. Jahrhundert nach Christi Geburt in das Johannes-Evangelium hineingeschriebenen Text. Er besitzt für die christliche Religion eine immense Bedeutung, da in ihm das Heilsversprechen formuliert wird. Max Beckmann hat in seinem 1941 im Amsterdamer Exil gestandenen Zyklus ein klares Bild gefunden für den in der Apokalypse erwähnten Stillstand der Zeit. Das wiederum brachte Thomas Demand dazu, in seinen fünf Bildern verschiedene Zeitebenen miteinander zu verweben.

Subkutan verbirgt sich dahinter eine Kritik an der Nachrichtenindustrie, die uns vermeintlich mit Informationen versorgt, die jedoch außer niederen Reflexen und Erregungshöhepunkten nichts Brauchbares hervorzubringen imstande sind. Hinzu kommt, dass das Gerichtsverfahren in Saarbrücken gerade ins Stocken geraten ist, da die Behörden an die Grenzen ihrer Ermittlungsfähigkeit stoßen und Gefahr besteht, das Ganze könnte im Sand verlaufen.

Dies alles sind die Referenzen, die Demand bei seinen auffallend unauffälligen Fotografien wichtig sind, mag der Betrachter sie zunächst auch nicht erkennen. Bliebe noch die Mitteilung, dass die Apokalypse für den Künstler nicht nur ein religiös-literarischer Schriftsatz ist, sondern ein Zustand. Man kann auch Gegenwart dazu sagen.

Galerie Esther Schipper, Linienstraße 85, bis 6. Mai; Dienstag bis Samstag 11 – 18 Uhr, Eröffnung heute 19 – 21 Uhr.

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