Kultur : Böse Buben, gute Buben

Eine

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von Jan SchulzOjala

Es sah so schön nach ein bisschen Frieden aus. Am 29. Juni, der „Krieg der Welten“ war mehr oder minder glücklich gestartet, legten die Spitzen des Filmverleiher- sowie des Filmkritikerverbands das Kriegsbeil beiseite, um zu reden. Grundfrage: Dürfen Kritiker, nur weil sie neue Filme besonders früh sehen, pauschal als potentielle Raubkopierer kriminalisiert und bei „Hochsicherheits“-Pressevorführungen gefilzt und überwacht werden? Grundantwort: Eigentlich nicht. Zumal in Deutschland noch nie ein Journalist bei derlei bösem Tun ertappt worden sei.

Vorbei, vorbei. Soeben ist der Branchenweltenkrieg erneut entbrannt. Am Dienstag präsentierte die Internetfahnder-Firma „P4M“ in Berlin eine Expertise, wonach das Bildmaterial illegal koperter Filme zu 41 Prozent (!) aus Pressevorführungen bzw. von Filmpreis-Jurys stamme. Wie jetzt, Kollegen? Sind wir als Schwarzbrenner gar nicht dabei oder ganz? Die Constantin Film, größter deutscher Verleiher, forderte prompt, die Kontrollen bei Pressevorführungen noch sicherer zu machen und zu standardisieren. Am Flughafen rege sich auch niemand darüber auf, schob man nach – und goss damit Benzin ins Feuer.

Der Konter des Kritikerverbands, überlebenswichtige Sicherheitsschleusen zum Bürgerschutz seien nicht mit der Durchsetzung privatwirtschaftlicher Interessen vergleichbar, ist wohl ein Nachdenken wert. Auch die pauschale Expertisen-Ziffer hält näherer Recherche nicht stand. Erstens stützt sie sich auf 165 weltweit zwischen November und März gestartete Filme – mithin auch jene, die von den rund 5500 Oscar-Mitgliedern in bester Qualität vorab privat gesichtet werden konnten. Und sie differenziert nicht zwischen jenen „Jury“-Vorabsichtungen und Pressevorführungen, obwohl dies technisch offenbar möglich wäre. Das vermutete Corpus delicti der Pressevorführung wurde nur „vom Zeitraum her“ hinzugerechnet, heißt es. Journalistenverdachtsrelevante Beweiskraft der Ziffer also: nahezu null.

Rückfragen bei Verleihern in Deutschland ergeben: In den letzten zwei Jahren gab es nachweislich kaum ein Halbdutzend Fälle, in denen Personen – nicht unbedingt Journalisten – bei oder nach Pressevorführungen versucht haben, Bildmaterial oder den deutschen Ton für im Internet bereits verfügbare Filme aufzuzeichnen. Das klingt nicht gerade nach „41 Prozent“. Und rechtfertigt kaum jene martialischen Androhungen von „Durchsuchungen einschließlich Leibesvisitation“, mit denen die Verleiher Kritikern derzeit ihre Arbeit erschweren.

Keine Frage, die neue Runde gesamtkollegialen Missvergnügens ist eröffnet. Nur: Wo soll die Raubkopier-Hysterie enden – zumal auch nach Filmstart weiter munter kopiert wird? Müsste nicht auch das Kino-Publikum scharf kontrolliert werden, zumindest am wichtigen Startwochenende? Die Profi-Jäger von „P4M“ finden die Idee schon mal nicht verkehrt.

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