Kultur : Bohren, sägen, grinsen

„Der eingebildete Kranke“ als Open-Air-Spektakel

Jan Oberländer

„Holen Sie sofort den Defibrillator!“, keucht der O-Ton irgendeiner „Emergency-Room“-Serie, während es hinter einer Schattenwand etwas robuster zur medizinischen Sache geht: Bohrer, Sägen und Zangen kommen zur Anwendung, irgendwann wird dem Kranken die Wirbelsäule rausgerissen. Ein gutes Anfangsbild für Jan Zimmermanns vergnüglich grob geschnitzte Inszenierung von Molieres Hypochondrie-Komödie „Der eingebildete Kranke“ im Hexenkessel Hoftheater. Ein luftiges Mittsommerspiel unter freiem Himmel, das Personal des Klassikers ist aufs Wesentliche reduziert und herzerfrischend comichaft überzeichnet.

Im goldenen Rollstuhl gibt Michael Schwager den reichen Hypochonder Argan, dessen Frau Galantine (mit viel Lippenstift: Ina Gercke) gern eine reiche Witwe wäre. Roger Jahnke spielt den geldgierigen Leibarzt Purgon, den Winkeladvokaten Bonnefoy und den „’eißen ’engst“ Cléante, Verehrer von Argans Tochter Angélique (Kristin Giertler). Unglücklicherweise wünscht Papa einen Arzt in der Familie, und so ist es an Carsta Zimmermann, als patentes Hausmädchen Toinette Angéliques Heirat mit dem ekligen Jungarzt Grimois (ebenfalls Zimmermann) zu verhindern. Doch es muss erst ein eindrucksvoll kapuzierter Sensenmann auftreten, um Argan klar zu machen, was wahre Liebe ist.

Zimmermanns Inszenierung ist schnell, bunt und schrill, und damit genau das Richtige für eine laue Sommernacht. Die witzig überladenen Kostüme (von Isa Mehnert) sind ein barocker Augenschmaus. So wirkt die Bühne auch ohne Requisiten nicht leer, zumal die Spielfreude der Darsteller offensichtlich ist. Mit einer Großdosis boulevardeskem Flunschziehen und Augenrollen geht es dem Finale entgegen, die Pointen prasseln, und zwischendurch stehen immer wieder Gesangseinlagen, meist schräg, stets amüsant. Wie Galantines Material-Girl-Rap, das Liebesduett der Turteltäubchen Angélique und Cléante oder der Brechdurchfall-Song der beiden herrlich unangenehmen Doctores. Ein Abend zum Sichkranklachen. Soll ja gesund sein.

bis 9. September, Di. bis Sa., 21. 30 Uhr, Monbijoupark, Berlin-Mitte.

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