Bolaños „Das Dritte Reich“ : Der Wolf und das Lamm

Kriegsspiele am Urlaubsstrand: Roberto Bolaños nachgelassener Roman „Das Dritte Reich“

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Der Nachlass des chilenischen Autors Roberto Bolaño erweist sich als nie versiegende Quelle eines literarischen Zaubertranks. Vor drei Jahren erst erschien die fünfteilige Romansaga „2666“ – ein Roman voller Mythen und wispernden Winden. Niemandem gelang es nach Borges und Cortázar so lässig, die europäische Literaturmoderne mit dem magischen Realismus Lateinamerikas und der amerikanischen Postmoderne zu kreuzen. Vor allem die deutsche Kultur hatte es dem Vielleser Bolaño angetan. Die deutsche Geschichte in Gestalt der Generäle Rommel, Manstein und von Leeb. Die deutsche Literatur von Kafka, Jünger, Böll oder Grass. Keinem anderen noch so belesenen Schriftsteller hätte man diesen Titel für einen Debütroman durchgehen lassen: „Das Dritte Reich“ – seit seiner Fertigstellung Ende der achtziger Jahre eine Schubladenleiche, die der Hanser Verlag noch ganz unter dem Eindruck des jüngsten Bolaño-Fiebers stehend exhumiert hat. Mit welchem Gewinn!

Unmissverständlich wird das Böse bereits auf dem Buchdeckel annonciert. Abgemildert nur durch den rasch zu findenden Hinweis, das es sich hierbei um ein real existierendes Strategiespiel handelt. Udo Berger ist ein wohlstandsverwöhnter Deutscher, Landesmeister in der Disziplin „Kriegsspiele“, ansonsten eine eher mediokre Gestalt, der Strandurlaub mit seiner arisch-blonden, ziemlich geschichtsvergessenen Freundin macht. In einem Ferienort an der Costa Brava wird der Leser dann Zeuge einer Metamorphose: vom harmlosen Touristen zur blonden Bestie. Wofür Jonathan Littell über tausend Seiten und einen Nazi mit Verdauungsstörungen braucht, greift Bolaño ein denkbar farbloses Touristenpärchen heraus, um sein maliziöses Spiel mit der menschlichen Natur zu treiben.

Der Roman beginnt wie ein Film von Eric Rohmer und endet wie einer von David Lynch. „Das Restaurant war brechend voll und die Hitze groß; der Kellner schwitzte; das Essen schmeckte gut, aber nicht überragend ...“ So trügerisch trivial geht es eine ganze Weile, in der „ein relativ friedlicher Tag“ höchstens durch das „golddurchwirkte Dunkelblau“ nach einem Regenschauer abgelöst wird. Natürlich alles Vorboten eines bevorstehenden Unglücks, das mit dem Surfunfall des jungen Charly dann auch eintritt. Ist Udos Freund ertrunken? Hat er zuvor seine Freundin vergewaltigt? Oder wurde er selbst vergewaltigt, dann ermordet? Zunehmend wird „Das Dritte Reich“ von zwielichtigen Gestalten bevölkert. Zwei groteske Figuren, El Lobo und El Cordero, das Lamm und der Wolf, drängen sich in Udo Bergers Leben. So wie wir es bereits aus dem „Lumpenroman“ (erschienen 2010) vom „Libyer“ und „Bologneser“ kennen, handelt es sich um menschliche Parasiten, in diesem Fall um Urlaubsparasiten, denn „sie leben die Ferien der anderen, saugen an den Ferien und am Müßiggang der anderen und vermiesen einigen Touristen das Leben“.

Während die beiden Narren, Trinker, Tagelöhner allegorisches Ornat bleiben, rückt die Figur des „Verbrannten“ zunehmend ins Zentrum des Geschehens. Offensichtlich handelt es sich um einen gefolterten Südamerikaner, der sich eine Festung aus Tretbooten am Strand errichtet hat und darin die Spielregeln des „Dritten Reichs“ auswendig lernt. Er wird Udos Partner, der inzwischen zum Ärger seiner Freundin mehr Zeit auf dem Zimmer als am Strand verbringt, bis er begreift, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist.

Dort wo Udo zu Beginn des Romans bereits leichte Herrenmenschenattitüden an den Tag legt, fällt der spätere Kriegsverlierer in eine aggressive Agonie. Er leidet unter Wahrnehmungsstörungen und vermisst eines Tages sogar sein Spiegelbild. Ein Klassiker der fantastischen Literatur, den Bolaño sofort mit einem Seitenhieb auf das magisch-realistische Dauerraunen seiner Bestsellerkollegen ironisiert, indem er den Nachtportier über die vermeintlich spukende Spiegelwand entnervt sagen lässt: „Sie ist gewölbt. Ge-wö-hölbt.“

Es ist nicht leicht zu beschreiben, was geschieht, nachdem die andern Hotelgäste, auch Udos Freundin, abgereist sind, der Leichnam Charlys gefunden wurde und die Beziehung zur enigmatischen Hotelbesitzerin Frau Else eine unheilvolle Dynamik entwickelt. Warum reist Udo Berger nicht ab? Wird er verrückt? Ist er ein Mörder oder wird man ihn ermorden? Dieser Roman lebt mehr von seinen Ahnungen als von seinen Antworten, von der Möglichkeit des Bösen, nicht vom Bösen selbst. Und so wird dem heutigen Leser durchaus ohne Absicht des Autors selbst ganz mulmig zumute, als er lesen muss: „Vage wie in einem Traum verstand ich, dass der Morgen des 11. September oberhalb des Hotels stattfand, auf Höhe der Leitwerke der Cessna, und das wir, die wir uns unterhalb des Morgens befanden, ... in gewisser Weise dazu verdammt waren, im Dunkeln zu tappen.“

Auch der Leser wird noch lange im Trüben fischen. „Was bist du?“, fragt Frau Else ihren Gast einmal. „Nur ein Spieler von wargames?“– „Natürlich nicht“, antwortet Udo. „Ich bin ein junger Mensch, der sich amüsieren will ... auf gesunde Art. Und ich bin Deutscher.“ – „Und was ist das, Deutscher sein?“ – „Weiß ich nicht genau. Jedenfalls etwas Schwieriges. Etwas, das wir allmählich vergessen haben.“ Hatte Roberto Bolaño, der 2003 im spanischen Exil starb, tatsächlich Angst, dass wir es je vergessen könnten? Immerhin stellt sich im Roman die Frage, ob das leichtfertige Geschichtsklittern auf den Schlachtfeldern eines sogenannten Gesellschafsspiels einen Deutschen nicht ins Verderben stürzt. Ob Hybris nicht notwendig in den Wahnsinn führt?

In diesem erstaunlichen Debüt, das auf leisen Sohlen und – falls die Literatur so etwas aufsetzen kann – mit Unschuldsmiene daherkommt, finden sich bereits alle großen Themen, die Bolaños späteres Werk auszeichnen: Das Unheimliche, das Monströse und die Gewalt, aber auch der Humor, der produktive Wahn und die alles erneuernde Kraft der Anarchie.

Roberto Bolaño: Das Dritte Reich.

Roman.

Aus dem Spanischen

von Christian Hansen. Hanser Verlag,

München 2011.

318 Seiten, 21,99€.

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