Kultur : Bolzen mit Bertolt

Die Berliner Brecht-Tage widmen sich dem Sport

Stephan Schlak

Bertolt Brecht, der sich in den Zwanzigern gerne vor seinem Punching-Ball ablichten ließ und das „Theater als sportliche Anstalt“ revitalisieren wollte, hatte immer vor allen Todfeinden des Sports gewarnt – und wenn es dessen übertriebenen Freunde waren. So sehr er selbst davon träumte, die Theaterbühne mit dem Boxring zu verschmelzen, das Umgekehrte, die Kultivierung des Sports, war ihm zuwider. Vorsicht war also geboten, als Sebastian Kleinschmidt, Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“, den Sport zum Thema der Brecht-Tage im Berliner Literaturforum kürte: „Der Kampf als Ereignis und Erlebnis“.

Als Hauptfeind des Sports hatte Brecht 1928 den „wissenschaftlichen Fimmel“ ausgemacht. „Hierher gehören meistens mit besonderer Unterstützung der Presse die krampfhaften Bemühungen einiger ‚Kenner’, aus dem Sport eine Art ‚Kunst’ zu machen.“ Heute aber muss der Sport nicht mehr vor „Kennern“ wie dem Berliner Sportwissenschaftler Gunter Gebauer, der in sieben Thesen die Phänomene des Sports erhellte, in Schutz genommen werden – sondern vor seinen intellektuellen Fans.

Seit dreißig Jahren kommt Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes. Auch wenn der linke Intellektuelle alle politischen Haltungen mit der Zeit verraten hat, die Aufstellung der deutschen Mannschaft, die 1972 in Wembley England bezwang, kann er noch immer im Schlaf herunterbeten. Nirgendwo scheint er heute so wenig entfremdet zu sein wie beim „Lob des Sports“.

„Lyriker unterhalten sich“, teilte Lutz Seiler am Rande der Brecht-Tage mit, „über nichts anderes als Fußball.“ Der gefeierte Dichter aus dem Peter Huchel-Haus bolzt selbst jede Woche auf dem Fußball-Platz. Norbert Bolz, der smarte Berliner Medienprofessor mit dem in diesem Zusammengang sprechenden Namen, der die Brecht-Tage mit einem Vortrag über den „Sport als Paradies des Wesentlichen“ einläutete, gehört als Theoretiker aber wohl eher zu den filigranen Technikern.

Er steuerte viele Paradoxien – „Sport als Sein ohne Zeit“ – bei, verfestigte damit aber nur den Eindruck, dass ihm zum Sport so wenig wie seinem Meister Niklas Luhmann einfällt. Für Bolz unterläuft der Sport mit Körpern und rustikalen Leidenschaften das Niveau der aus Luhmanns Perspektive ganz ohne den einzelnen Menschen funktionierenden Gesellschaft – hier kommt er noch vor.

Auf den Beobachter Bolz folgte am zweiten Tag der Kritiker Wolfgang Engler. Wenn die moderne Gesellschaft für den West-Soziologen Bolz sich in ihren funktionalen Systemen erfreulich unsportlich verhält, so verhält sie sich für Engler viel zu sportlich. Taktik und moderne Spielzüge im Fußball spiegelten, so Engler, die Flexibilitätszumutungen der Gesellschaft. Und mit kämpferischen Metaphern und Begriffen aus dem Sport wird die Gesellschaft auf neoliberalen Kurs getrimmt. Übertragen auf die Gesellschaft, zeitigt die normative Minimalforderung des Sports – „Gerechtigkeit als Fairness“, wie Engler unter Rückgriff auf den Philosophen John Rawls beklagte, verheerende soziale Folgen. Es wurde nur nicht recht klar, welche konkreten Auswege er aus dem sportlich-gesellschaftlichen Verhängniszusammenhang zu nehmen gedenkt. Will Engler etwa, um den Flexibilitätsdruck von der Gesellschaft zu nehmen, im Fußball künftig wieder ohne Viererkette aufspielen lassen?

Nach den Denkern hatten am Ende die Dichter das Wort. Lutz Seiler zog noch einmal die alten Box-Handschuhe über und trug zum „Mysterium des Faustschlags“ vor. Und der Frankfurter Literaturkatholik Martin Mosebach hielt einen Vortrag über die „Schrecken des Sports“, der so hinreißend reaktionär die ästhetischen Abgründe des Massensports übersprang, dass alle Sportsfreunde im Publikum zu ihm überliefen.

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