Kultur : Bombe im Einkaufscenter

Beim 14. Open Mike-Wettbewerb in der Literaturwerkstatt siegt der soziale Sprengstoff

Jan Oberländer

Maxim Billers Begeisterung hält sich in Grenzen. „Deutschland brennt zurzeit“, sagt der beim „Open Mike“ als Juror auftretende Schriftsteller. Aber davon erzählten die Texte des wichtigsten Nachwuchswettbewerbs im deutschsprachigen Literaturraum nichts: keine Neonazis, keine DDR-Implosion, keine Festung Europa, kein Internetsex, alles nur so hinerzählt, nicht erlebt, und dann noch im Präsens geschrieben, in einem Land, das schließlich auch eine Vergangenheit habe.

Die sechs Verlagslektoren – verantwortlich für die Auswahl der 18 Teilnehmer – pflichten bei. Man habe das Aufspannen größerer Erzählräume vermisst, Migrationsthemen, ungewöhnliche biografische Brüche, intensiveres Infragestellen des vorgefundenen Sprachmaterials. Zumindest bildeten die Geschichten von Beziehungs- und Familienstress das Bröckeln der Mittelschicht ab, aus der die jungen Schreiber schließlich kämen. Eine Diagnose, die auch für Julia Zanges Siegertext „Küsst euch auf die Münder, Kinder!“ plausibel klingt. Im Vortrag ist Zanges helle Mädchenstimme ein eindrücklicher Kontrast zum bitteren Ende: eine Explosion in der Bonbonwelt eines Einkaufscenters, die Global Players fliegen in die Luft, und am Ende ist: gar nichts. Ein Zeitenwendetext, inklusive Jakob-van-Hoddis-Zitat: „Dachdecker fallen von den Dächern und gehen entzwei. Danke. Hier liegt aber niemand.“

Neben Julia Zange erklärte die dreiköpfige Autoren-Jury um Biller auch Luise Boege und Katharina Schwanbeck zu Siegerinnen, sie teilen sich die 4500 Euro Preisgeld – und die nicht ausbleibende Aufmerksamkeit des Betriebs. Schließlich versteht die Literaturwerkstatt Berlin, die den Open Mike zum 14. Mal veranstaltete, das Wettlesen als Markteinführungsveranstaltung für junge Autoren, die noch kein Buch veröffentlicht haben. Schriftsteller wie Kathrin Röggla, Karen Duve und Björn Kuhligk sind durch den Wettbewerb bekannt geworden, Newcomern wie Jörg Albrecht verhalf ihr Open-Mike-Auftritt zu Buchverträgen.

670 Bewerbungen waren es in diesem Jahr. Ein Drittel der 18 schließlich ausgewählten Teilnehmer kommt vom Leipziger Literaturinstitut (DLL), zwei Autoren studieren Kreatives Schreiben in Hildesheim. 15 Minuten haben sie Zeit, um im Berliner Kulturzentrum „Wabe“ ans Mikrofon zu treten und sich und ihre Texte zu präsentieren (eine Anthologie ist soeben im Allitera Verlag erschienen). Die drei Kandidaten, die mit Gedichten angetreten waren, gingen (auch wegen der mangelnden Vergleichbarkeit) im Wettbewerb unter.

Nach all den Brandreden der Jury ist allerdings unklar, warum Katharina Schwanbecks „perfekt gebauter und sehr erotischer“ Kurztext „Jargo“ prämiert wurde – ein praller, glatter Luftballon, eine künstlich wirkende Inzestgeschichte, in der an der richtigen Stelle ein Roman von Ian McEwan auf dem Nachttisch liegt. „Jargo“ ließe sich als Schreibschulprosa abtun, wenn das nicht unfair wäre gegenüber dem Leipziger Literaturinstitut. Denn wie Schwanbeck studiert dort auch Andreas Stichmann. Sein zart ironischer Text „Alleinstehende Herren“ trifft einen Ton, der seine trauriglustigen Szenen um Männerfreundschaften und unerreichbare Frauen weit mehr sein lassen als ein Pubertätslamento. Oder Leif Randt. Der einzige im Feld, der so etwas wie einen Auftritt hatte. Der seinen Text nicht nur gelesen, sondern bewusst inszeniert hat: Beats, Geräusche, Armeinsatz. „COSMO“ heißt Randts mitreißende Durchdringung einer Weltoberfläche, die sich aus Körperertüchtigungsmaschinen und Musikvideos zusammensetzt. Darunter zittert: Verletzlichkeit. Da pointiert der Hildesheimer Randt, der Frotteestirnband und blaugelbe Nikes trägt, den ganzen Wettbewerb. Auch Robin Thiesmeyer, Hildesheimer wie Randt, ist eine Entdeckung. Sein Text „Hasenfarm“ ist, auch wenn man ihn nicht als Betriebsmetapher lesen mag („Man muss auf Zack sein in der Hasenindustrie“), eine vergnügliche Erzählraumerweiterung. Die Jury indes hat wenig Lust auf Witz.

Ein „großes Versprechen“ sieht sie in Luise Boege, mit 21 Jahren die jüngste Teilnehmerin und ebenfalls Studentin am DLL. Ihr Gewinnertext „Der Optophonet“ beschwört einen ruhigen, fein absurden Kosmos, der auch Platz für ganz Grundsätzliches bietet. So lässt sie ihren kafkaesken „Optophoneten“ erzählen, dass er „einmal auf einem großen Platz in Palermo bei Sonnenaufgang ein Schwein habe verenden sehen, wodurch er zum Mensch geworden sei“. Memento mori, Deutschland 2006.

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