Kultur : Bombenfantasie

Eine Comic-Ausstellung zeigt Bilder vom globalen Krieg

Philipp Lichterbeck

In seinen Träumen suchen den kroatischen Comic-Zeichner Miroslav Nemeth die Erinnerungen heim: Gegen seinen Willen zum Militär eingezogen, diente er bei den jugoslawischen Panzerfahrern und spielte Kriegsspiele in einem Land kurz vor dem gewaltsamen Auseinanderbruch. So nehmen seine Drucke die Gestalt von Wahnbildern an, fiebrige Landschaften unter einem leuchtenden Himmel, die Soldaten darin nur Marionetten unsichtbarer Hände. Nemeths gespenstischer Vorkriegs-Comic ist eine herausragende Arbeit der in der Galerie Neurotitan gezeigten Ausstellung „Warburger“ (bis 21.9. im Haus Schwarzenbeck, Rosenthaler Str. 39, Mi – Sa 14-22 Uhr, So 14-20 Uhr.). Sie ist das Ergebnis eines Aufrufs, den die Redaktion des slowenischen Comic-Magazins „Stripburger“ per E-Mail in die Welt versandte. Man wollte wissen, wie Comic-Zeichner das Thema Krieg verarbeiten – und erhielt Einsendungen von Kasachstan bis Kalifornien. Ihre Qualität, sowohl was zeichnerisches Geschick wie Inhalte anbelangt, ist höchst unterschiedlich. Fast alle Künstler beweisen sich als Zyniker oder Moralisten. Ihre Kriegsvisionen erschöpfen sich entweder in brutalen Zerstörungsbildern oder vereinfachenden Metaphern, wie etwa der, dass Krieg bereits im Sandkasten beginne, wenn die Buben streiten. Die besten Geschichten werden derweil im ehemaligen Ostblock und in den einst jugoslawischen Republiken gezeichnet. Dort finden überwiegend junge Zeichner originelle Bilder für die Absurdität der Gewalt, ohne sich eine moralisch überlegene Position anzumaßen.

Dabei hatten es Comics in Ost-Europa immer schon schwerer. Den Kommunisten galten sie als Auswüchse der „degenerierten westlichen“ Kunst. Und auch danach passten sie nicht in den sich ausbreitenden Mafiakapitalismus. Worauf es ankam, war, möglichst schnell reich zu werden. Comics zeichnen, geschweige denn welche zu verlegen, schien da wenig erfolgversprechend. Zu allem Überfluss wurde der osteuropäische Markt von westlichen Verlagen mit billigen Disney-Nachdrucken überschwemmt. „Unsere Tradition war die Traditionslosigkeit“, konstatiert daher ein serbischer Experte des Genres. So stammt der beeindruckendste Beitrag von dem Esten Joonas Sildre. Er erzählt in wenigen, exakt gesetzten Strichen die Geschichte eines Mädchens, das eine Fliegerbombe findet und nach Hause trägt. Der Horror des Krieges wird zu einem finster-leuchtenden Märchen.

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