Kultur : Bombenterror, Bombenlaune Ein Film über Berliner Bunker und die letzten Kriegstage

Deike Diening

Kichernd probiert die Jugend in der Schule die ersten Gasmasken an, die sitzen „wie meine Badekappe“. Die Eltern dieser Jugend glauben lange nicht, dass die Benutzung der Bunker so bald bevorsteht. Sie üben den Ernstfall mit leichtem Herzen. Doch dann erzählen Zeitzeugen: Wie eng es ist. Wie existentiell die Logistik. Dass bei über 3000 Menschen in einem Gebäude nach zwei Tagen die Toiletten nicht mehr funktionieren. Dass es zwar einen Sanitärraum gibt, in dem auch Kinder geboren werden, aber für sie alle nur zwei Ärzte. Dass es möglich ist, eine Leiche aus dem Bett zu stoßen, um sich selbst hineinzulegen.

Bunker sind für das Überleben gebaut – aber wie lebt man in ihnen? Die Berliner erlebten es, als sie sich am Ende des Zweiten Weltkriegs vor den alliierten Bombenangriffen in die rund 1000 ober- und unterirdischen Schutzbauten verkrochen. Mit Bunkerpass und ohne. Und wir erfahren, dass entkräftete Menschen sich irgendwann um nichts mehr kümmern können. Wenn das Heizöl ausgeht, tritt zu der Angst die Dunkelheit in den überfüllten Gängen. Eine Schülerin öffnet eine Tür, und dahinter haben sich zwei Menschen erhängt. Und manchmal hängt es nur von einer Winzigkeit ab, einer zufällig gefundenen Dose Thunfisch etwa, dass der Selbstmordversuch scheitert.

Als Traudl Junge, Hitlers Sekretärin, in dem Film „Im toten Winkel“ von den letzten Tagen im Führerbunker erzählte, verbreitete sich im Kinosaal eine gespenstische Atmosphäre. Junge gelang es, im Bildmedium Kino mit ihrer ernsten, nur selten schwankenden Stimme kraftvolle Bilder hervorzurufen. Zu sehen war die ganze Zeit nur ihr Gesicht. Auch in Martina Reuters und Gavin Hodges Film „Bunker – Die Letzten Tage“ berichten Zeitzeugen Ungeheuerliches. Ihren Stimmen ist anzuhören, wie vollständig das Extreme zum Alltag geworden ist. Es sind die Ärztin Gertraude Gerlach, die damalige Schülerin Waltraud Süßmilch und Rochus Misch, Telefonist im Führerbunker, der davon berichtet, wie er, als alles vorbei war, die Leitungen kappte und ans Tageslicht trat.

Was aber tut die Kamera während dieser Erzählungen? Sie fährt die Originalschauplätze ab, leer sind sie und staubig, sie stehen teils unter Wasser oder waren nur für kurze Zeit zum Dreh zugänglich. Es sind Hochbunker, die in Berlin so unbeachtet im Stadtbild stehen, dass man sie kaum noch wahrnimmt, an der Albrechtstraße in Mitte, am Anhalter Bahnhof, in der Pallasstraße. Die Bunker in der Erde, wie der Adlonbunker oder der dem Führerbunker vorgelagerte Fahrerbunker. Und die unterirdischen Verbindungen dieser Sicherungsbauten, von denen noch heute neue zutage treten. Die Kamera verweilt lange auf den verrosteten, verrotteten Gegenständen, den eingerissenen Decken, dem Eisenschrott. Dies alles ist seltenes, schwer zu erlangendes Material. Leider haben sie es verschnitten.

Was zum Beispiel haben die nachgestellten Szenen da zu suchen – mit schönen jungen Menschen in bunten Strickpullis, die wirken, als seien sie schnurstracks einer H&M-Werbung entstiegen? Gegengeschnitten sind diese Sequenzen mit dem Schwarzweiß-Archivmaterial der zerstörten Stadt Berlin. Die Musik zu diesen Bildern gibt sich mal sphärisch, mal bedrohlich. Ein kleines Mädchen fährt auf einem silbernen Tretroller schwer symbolisch durch einen engen, nicht enden wollenden Gang. Harmlose Fiktion und der strukturlose Mix der Bildsprachen schwächen den Sog der Erzählungen.

„Wären da nicht die Geschichten der Leute, es wären ganz normale Bauten“, sagt der Berliner Bunkerarchäologe Dietmar Arnold am Anfang des Films. Aber es gibt sie, die Geschichten der Leute. Und die Leute dazu. Anscheinend besaß niemand den Mut, sich auf ihre Wirkung zu verlassen.

In den Kinos Blow Up 1, Filmbühne am Steinplatz und Hackesche Höfe 5.

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