Bombino im Heimathafen Neukölln : Herz der Sahara

Tuareg-Rock: Bombino entspricht im Heimathafen Neukölln so gar nicht dem Kitsch-Klischee vom Wüstenritter. Ein berauschendes Konzert.

Volker Lüke
Tuareg, Reggae, Gitarrenrock: Bombino
Tuareg, Reggae, Gitarrenrock: BombinoFoto: Mads Maurstad

Wenn nicht alles täuscht, erleben wir gerade einen Tuareg-Hype. Nach Tamikrest im Lido tritt im Heimathafen Neukölln, wo vor einigen Wochen auch schon Tinariwen spielten, wieder eine Band auf, die das Publikum mit flirrendem Wüstenblues ins Herz der Sahara entführt. Angeführt wird Bombino vom Gitarristen und Sänger Omara Moctar alias Bombino. Vor zehn Jahren kämpfte der aus Agadez im Niger stammende Musiker, den seine Fans als „Wüsten-Hendrix“ verehren, noch an der Seite der Rebellen. Im Exil in Burkina Faso traf er auf den Filmemacher Ron Wyman, der seine Karriere entscheidend ankurbelte. Mit der Produktion von Dan Auerbach von The Black Keys, 2013 in Nashville, wurde sein Sound noch rockiger. Auch das aktuelle Album „Azel“ ist ein gelungener Mix aus Tuareg-Melodien mit Reggae und viel Gitarrenrockpower.

Bei der Live-Präsentation entspricht Bombino so gar nicht dem Kitsch-Klischee vom Wüstenritter mit langem, indigoblauen Tuch, Inbegriff und Schreckbild einer kommerzialisierten Wüstenromantik, die so sehr nach Freiheit und Abenteuer klingt, das sogar ein deutscher Autobauer ein Modell nach dem Berbervolk benannt hat. Stattdessen sieht der Nomadenrocker mit seinem Bleistiftbärtchen und dem verschmitzten Grinsen eher aus wie Chuck Berry, während sein Desert-Rock als Spiegel der komplexen Realitäten seiner Heimat wirkt.

Ein rebellischer Sound

Unweigerlich verfällt man dem archaischen Zauber einer Musik, die mit einem weinenden Auge den drohenden Untergang einer Kultur symbolisiert und zugleich den Traum von einer besseren Welt am Leben hält. Ein rebellischer Sound, der mit stürmischen Gitarren und hypnotischen Rhythmen an den malischen Bluesmeister Ali Farka Touré oder die Surf-Legende Dick Dale erinnert.

Angetrieben vom wuchtigen Getrommel des Schlagzeugers fügen sich krachende Bluesriffs in galoppierende Grooves und Gesänge, die in der Tuareg-Sprache Tamaschek vom beschwerlichen Leben in der Wüste erzählen. Und wenn Bombino Jefferson-Airplane-mäßig die Akkorde hinaufspringt, hat das tatsächlich eine Leichtigkeit, die nach Freiheit ruft. Dann bekommt diese Musik eine Weite und Größe, wie sie wohl nur aus der Wüste kommen kann. Bis nach 90 berauschenden Minuten die letzten Töne aufwärtswirbeln und davontreiben wie die Sterne am Himmel, unter dem Bombino und seine Mitstreiter sonst ihre Verstärker aufbauen. Der Blues und die Wüste sind eben überall.

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