Bonjour Cannes (11) : Flüchtlinge und Flüchtige

Das Festival an der Côte d'Azur nähert sich seinem Finale – und kommt noch einmal in einige Form, mit eindrucksvollen Filmen von Jacques Audiard und Guillaume Nicloux. Still stiehlt sich jedoch vor allem "Chronic" von Michel Franco in das Herz des Zuschauers.

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Dheepan alias Jesuthasan Anthonythasan flieht vor dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka – und stolpert in die Bandenkriege der Paris Vororte.
Dheepan alias Jesuthasan Anthonythasan flieht vor dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka – und stolpert in die Bandenkriege der Paris...Foto: Cannes Festival

Die Nackte, auf deren mächtig ausladendem Hintern ein geiler alter Sack gerade eine Koks-Line zieht, ist entsetzt: Was für hungrig glotzende Schwarze erklettern denn da unmittelbar vor ihren Augen die tolle Balustrade, von der sie diese unverbaubare Aussicht auf den Festivalpalast hat? Und erst die kurzbehosten Typen, die die Plakatfassade zu erklimmen suchen und beim Abrutschen den hübschen Mund von Ingrid Bergman aufreißen? Na, so ein Glück aber auch: Aus einer hoch gelegenen Fensterluke werden die frechen Invasoren postwendend rausbefördert - mit dem Ruf: „Danke, wir haben schon den Omar Sy!“

 Die Flüchtlingskatastrophe spielt in Cannes keine Rolle – mit einer Ausnahme

Nein, das ist kein „Ziemlich beste Freunde 2“-Trailer auf Koks mit dem netten schwarzen Omar Sy, das ist auch - noch - nicht die Wirklichkeit. Sondern die neueste „Charlie Hebdo“-Mitteldoppelseite, gezeichnet von Riss alias Laurent Sourisseau. Oben drüber der panische Schlachtruf der Beautiful People angesichts der massenweise an den Stadtstrand schwimmenden Bootsflüchtlinge: „Hey, Sie machen uns unser Festival kaputt!“ Und wer sogar angesichts dieses Wimmelbilds noch immer sorgenvoll an der sarkastischen Durchschlagskraft des unlängst fast dahingemordeten Satireblatts zweifelt, der gucke nur auf die letzte Seite mit all den Titelbildern, „um die Sie noch mal herumgekommen sind“. Kostprobe? „Manuel Valls verteidigt die Kultur in Cannes“, lautet eine Überschrift. Grimmig schaut der französische Premierminister auf eine angeschwemmte Leiche: „Sind Sie akkreditiert?“

 Die katastrophale globale Flüchtlingsrealität hat in den insgesamt merkwürdig eskapistischen Filmen dieses 68. Cannes-Jahrgangs kaum Widerhall gefunden - mit einer prominenten Ausnahme, Jacques Audiards „Dheepan“ im Wettbewerb. Wie sein „Prophet“, mit dem er von sechs Jahren in Cannes den Großen Preis der Jury gewonnen hat, und auch „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012) ist die Geschichte um das Schicksal dreier Tamilen in Frankreich packendes realistisches Kino. In dem Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilen in Sri Lanka haben der „Tamil Tiger“ Dheepan (Jesuthasan Anthonythasan), die 30-jährige Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und das kleine Mädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) allesamt ihre Familien verloren, geben sich aber für ihre Flucht nach Europa als Kernfamilie aus. Aus der Notlüge wird eine Art Alltag und - vielleicht ein bisschen zuviel des Drehbuchguten - eine Hölle und schließlich Idylle.

 Eine wirklich nette Familie in den Banlieues von Paris

Dheepan findet Arbeit als Hausmeister in einer Banlieue mit dem beschönigenden Namen „Le pré“ (die Wiese). Hier regieren konkurrierende Drogengangs, Staat und Polizei haben das Gebiet längst aufgegeben. Yalini arbeitet als Köchin für einen geistig behinderten Araber, während die Clanchefs das Wohnzimmer okkupieren, Illayaal lernt in der Schule tapfer Französisch. Der hilfsbereite und zuverlässige Dheepan verschafft sich Respekt unter den Bewohnern, ein Neuanfang scheint möglich. Als aber die Bandenkonflikte zum Krieg eskalieren, erinnert sich auch Dheepan seiner Überlebenskämpferqualitäten, und das Flüchtlingstrio, das in der Erdgeschosswohnung gerade erst zur Familie zusammenwächst, droht zu zerfallen.

 Ist dieser Film mit seiner wuchtigen, linear erzählten Geschichte, die zudem ganz ohne prominente Schauspieler auskommt, ein Palmenkandidat? So sehr wie mancher andere in diesem Jahrgang, der manches Respektable hervorgebracht hat, aber nirgends jenes erlösende Begeisterungsereignis, das zu den Markenzeichen dieses Festivals gehört. Zum nahen Schluss hin (am Sonntag Abend wird die Goldene Palme vergeben) überzeugen wiederum die Stars; anders aber als in den bislang herausragenden Beiträgen - Todd Haynes' „Carol“ mit Cate Blanchett und Rooney Mara oder auch Paolo Sorrentinos „Youth“ mit Michael Caine und Harvey Keitel - in kleinen, feinen Filmen. 

 Pornos auf dem iPad für sterbende Männer

Isabelle Huppert und Gérard Depardieu bilden im fünften und letzten französischen Wettbewerbsbeitrag, „Valley of Love“ von Guillaume Nicloux, ein apartes, gewesenes Paar. Mit Anfang Dreißig hat ihr Sohn, um den sich die Beiden nie besonders gekümmert haben, sich das Leben genommen  - und in ähnlich lautenden Abschiedsbriefen beordert er die geschiedenen Eltern ins kalifornische Death Valley, um ihnen dort in einer nicht näher bezeichneten Form zu begegnen. Huppert und Depardieu sind prominente europäische Schauspieler auch im Film, sie heißen sogar Isabelle und Gérard und machen den Zuschauern die aberwitzige Reise leicht; durch ihr souveränes Spiel in den vorgegebenen Rollen und auch jenseits davon, und selbst eine nahe am Nichts siedelnde Auflösung stört dann nicht weiter.

 Weitaus mehr will der 35-jährige mexikanische Regisseur Michel Franco mit „Chronic“, und seine emotional extrem reduzierte und auf einen einzigen Schauspieler, Tim Roth, fokussierte Geschichte gelingt ihm wie ohne Aufwand, präzis und traurig und schön. David arbeitet als Krankenpfleger im Auftrag eher begüterter Familien, indem er Todkranke in ihrer häuslicher Umgebung versorgt. Vielleicht ein bisschen zu selbstlos und einfühlsam versieht er seinen Job, lässt sterbende Männer Pornos auf dem i-Pad  gucken und handelt sich bald den Verdacht auf sexuelle Grenzüberschreitungen ein. Und was, sollten Patienten den sanften, verschwiegenen Pfleger bitten, ihr Leid zu verkürzen?

 Ein leiser Grenzgänger, der auf den letzten Metern des Festivals alle überholt

Mitten in die großen Gesellschaftsthemen Missbrauch und Sterbehilfe reicht „Chronic“, ohne auch nur für einen Augenblick thesenhaft oder theoretisch zu werden. Flüchtlinge aus dem Leben sind seine Klienten, Flüchtige, und auch David selbst ist dem seltsamen Diesseits, wofür er einen tiefen Grund hat, nur bedingt verhaftet. Ein leiser Grenzgänger, dessen einziges Hobby das Laufband-Training ist - und der auf den letzten Metern dieses Festivals vielleicht noch alle überholt.  

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