Kultur : Bonjour Jeunesse

Keine Stars ohne staatliche Initiative: Wie Frankreich seine Popmusik international etabliert

Björn Döring

Französische Musik ist wieder chic. Sagen zumindest Franzosen. Nach dem Boom von Worldmusic und dem Hype um Elektro-Tüftler wie Air, Daft Punk oder Cassius wendet sich der Trend nun einer der ältesten popmusikalischen Sprachen Frankreichs zu: dem Chanson. Er prägt die Musik von Yann Tiersen, Dominique A oder Françoiz Breut, die der unlängst in Deutschland erschienenen Kompilation „Le Pop“ den Glanz eines Erfolgsmodells der französischen Exportpolitik verleihen. Das Album fasst eine ganze Reihe von Veröffentlichungen der darauf vertretenen Künstler vorab zusammen und ist das Resultat einer kulturpolitischen Offensive, die sich nicht zu schade ist, staatliche und marktwirtschaftliche Strategien zur Durchsetzung französischer Titel im Ausland einzusetzen. Mit dem Ergebnis, dass der Musikmarkt in Frankreich selbst in Zeiten allgemeiner Umsatzeinbrüche ein stetiges Wachstum verzeichnet. Der ehemalige deutsche Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin wurde deshalb nicht müde, eine Popförderung nach dem Vorbild des französischen Modells anzupreisen und eine Radio-Quote für deutsche Produkte vorzuschlagen, die der angeschlagenen Musikwirtschaft hierzulande wieder aufhelfen sollte.

Elf Prozent Wachstum verzeichnete der französische Plattenmarkt im Jahr 2001 und könnte Deutschland bald als viertstärksten Tonträgermarkt der Welt abgelöst haben. Unter den 20 Alben, die sich im letzten Jahr in Frankreich am besten verkauften, befanden sich 18 französische Produktionen, der Export stieg von 4 Millionen Platten im Jahr 1993 auf 39 Millionen im Jahr 2000. Im gleichen Zeitraum verdoppelten sich die Investitionen in nationale Produkte, während sich die Anschubhilfen für neue Talente verdreifacht haben. Dadurch ist eine Pop-Landschaft entstanden, die nicht nur in ihrer marktwirtschaftlichen Potenz, sondern auch in ihrer musikalischen Vielfalt beeindruckt.

Alles ist Kultur

Trotzdem wirkt es wie ein schlechter Witz.: Ausgerechnet Frankreich soll zum Musterland des europäischen Pop avanciert sein. Ein Land, das bis in die späten Achtziger einer pophistorischen Identitätskrise anheimgefallen war und diese erst mit Hilfe des sozialistischen Kulturministers Jack Lang überwand. Lang war es, der einige Grundzüge der Kulturpolitik festlegte, von denen die Poplandschaft der Grande Nation noch heute profitiert. Mit seinem Begriff des tout culturel räumte er den Dünkel beiseite, mit dem das Land Balzacs und Hugos die „nur" unterhaltenden Künste bedachte. Als Bastarde des Kulturbetriebs verschrien, rückten DJs und Liedermacher ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit, weshalb es heute im Kultur- wie im Außenministerium eigene Abteilungen für populäre Musik gibt, die zudem mit jungen Leuten besetzt sind.

Der Popmarkt wird heute von der Generation der 30-Jährigen dominiert. Sie belegt, wie elementar das von Lang eingeführte System der sozialen Absicherung für kreative Berufe und die Schaffung von anerkannten Ausbildungswegen war.

Um die Dominanz des englischen Kulturraums zu beschneiden, führte man 1994 eine Radioquote ein. Sie legt den Anteil französischer Produktionen auf 35 bis 60 Prozent fest, wobei der Anteil von Neuheiten zwischen zehn und 25 Prozent rangiert. Allerdings legen Radiostationen das, was eine „französische Produktion“ ist, lax aus: Lediglich die Rechte müsssen in Frankreich liegen. Daher gilt der brasilianisch-portugiesische Musiker Marcio Faraco ebenso als französischer Quotenbringer wie Senses, ein indisch-russisch-britisches Dancefloor-Projekt. Für den Bereich der Exportförderung haben das Außen- und das Kulturministerium mit der französischen Plattenindustrie 1992 außerdem das Bureau Export de la Musique Française gegründet, das mittlerweile über Außenstellen in Deutschland, England, Spanien, USA, Brasilien, Mexiko und Japan verfügt. Diese Büros bringen französische Produktionen auch außerhalb des heimatlichen Sendegebiets immmer wieder ins Gespräch. So ist es etwa der Vermittlungs- und Förderungsarbeit des Bureau de la Musique in Berlin zu verdanken, dass der seinerzeit nahezu unbekannte Yann Tiersen im vergangenen Jahr erstmals in Deutschland im Zoo-Palast die Lieder seines Soundtracks zum Kinohit „Die fabelhafte Welt der Amélie" spielen konnte. Gestern war er wieder in der Hauptstadt – ein Beweis, wie nachhaltig das Engagement des französischen Staates auf Künstlerkarrieren wirken kann.

Diese Erfolgsstory wird durch die Zentralisierung wesentlich erleichtert. In Paris sitzen die großen Plattenfirmen und Medien, finanz- und entscheidungsstarken Ministerien sowie wichtigsten Manager und Promotionagenturen des Landes. Selbst ein Festival wie das im zentralfranzösischen Provinzstädtchen Bourges stattfindende „Printemps de Bourges" wird von Paris aus organisiert.

Die zentralistische Organisation französischer Interessen birgt indessen auch Gefahren. Im Vergleich zur verästelten Szenerie in Deutschland versammelt sich die Entscheidungsmacht in Frankreich in den Händen einiger weniger. Doch auch die haben immer weniger zu verteilen. So konzentrieren sich die Subventionen bei kleiner werdenden staatlichen Budgets schon jetzt auf die großen Namen, deren „Dividende“ praktisch garantiert ist. Auch hatte die einsame Entscheidung des äußerst einflussreichen FNAC-Konzerns, sein Worldmusic-Repertoire zu verkleinern, für die nicht unbedeutende Szene sofort fatale Folgen.

So bleibt es fraglich, wie weit die staatliche Initiative in Deutschland gehen kann, bis der Schulterschluss mit einer von unklaren Zukunftsaussichten gebeutelten Branche zerbricht. Nida-Rümelins Vorschlag, Exportbüros nach französischem Muster einzurichten, stieß auf breite Zustimmung, seine Idee zur Einführung einer Radio-Quote jedoch nicht. Vermutlich bedarf es weit tiefer verwurzelter kultureller Vorbehalte, um die anglo-amerikanische Pop-Dominanz als eine Situation der Unterwerfung zu verstehen, gegen die man sich wehren sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben