Bonn : Oper "Freax": Getrennte Wege von Schlingensief und Eggert

Weil sich Komponist Moritz Eggert und Regisseur Christoph Schlingensief nicht auf eine gemeinsame Inszenierung einigen konnten, gingen beide bei der Uraufführung der Oper "Freax" getrennte Wege.

Constanze Schmidt[dpa]
Freaxs
Sex, Gewalt und Mundgeruch. Die "Oper" zeigt körperliche Missbildungen und ihre Abweichung von der Norm als schräge Sensation. -Foto: PR

BonnDie Gelegenheit, Schlingensiefs assoziationsreiche Bilderströme zu entschlüsseln, hatte das Bonner Publikum am Sonntagabend lediglich während der Pause im Foyer, wo auf einem durchscheinenden Gazevorhang sein "installativer und filmischer Diskurs" mit dem Titel "Fremdverstümmelung 2007 Freax" flimmerte. Hinter der Projektionsfläche tummelten sich ganz real in einer Art rituellem Gastmahl Mitglieder aus Schlingensiefs "Familie", zu der körperlich und geistig behinderte Menschen und Kleinwüchsige gehören, mit denen der provokante Regisseur bekanntlich seit geraumer Zeit zusammen zusammenarbeitet.

Unter anderem an deren Mitwirkung an der Bühnenfassung der Uraufführung hatten sich die Geister des Komponisten und Regisseurs geschieden. Schlingensief wollte seine "Familie" auf der Bühne sehen, Eggert eine ganz "normale" Oper mit Stadttheater-Profis. Soweit eine der offiziellen Versionen zur Trennung von Musik und Regie, die auf der vorausgehenden Pressekonferenz vor allem schöngeredet wurde. Nach der Uraufführung, die nun konzertant, aber im Bühnenbild von Thekla von Mülheim und Tobias Buser sowie in Kostümen von Aino Laberenz vonstatten ging, wurde deutlich, dass Komponist und Regisseur wohl nie hätten zusammenfinden können. Zu verschieden sind die Welten von Eggert und Schlingensief.

Missbildungen als bizarre Sensation

Eggerts Oper, ein Auftragswerk von Theater und Beethovenfest Bonn, erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe im Schaustellermilieu: der kleinwüchsige Franz verliebt sich in die schöne, nicht kleinwüchsige Isabella, die ihrerseits den Moderator Hilbert liebt. Dessen Show versammelt neben Franz weitere "Freaks", Menschen, die ihre körperlichen Missbildungen und ihre Abweichung von der Norm auf der Bühne als bizarre Sensation präsentieren. Isabella heiratet Franz, um an sein Vermögen zu kommen und will ihn deshalb möglichst schnell beseitigen. Moderator Hilbert jedoch will vor allem den Erfolg und seine Show. Der Teufelskreis aus Gier und Täuschung endet tragisch: Isabella verliert beide Beine, Franz wendet sich von ihr ab, tötet seine alte Freak-Liebe Lea und endet im Wahnsinn.

Tod Brownings Hollywood Film "Freaks" von 1932 diente sowohl Moritz Eggert als auch Christoph Schlingensief als Inspiration für das gemeinsam geplante Projekt. Doch das banale, von Stilblüten durchsetzte Textbuch von Hannah Dübgen liefert eine recht naive Vorlage, zu der sich Eggerts konventionelle Musik wie eine Filmmusik gesellt. Eggert plündert munter die Musikgeschichte, trägt den Kitsch dick auf und nähert sich insgesamt dem Musical viel eher an als der verkündeten "großen Oper". Kaum ein schräger Ton störte den mit drei Stunden überlangen Abend. Allgemein freundliche Zustimmung des Bonner Publikums ermutigte am Ende den Komponisten, einige scharfe Buhs kamen von denen, die wohl die versprochene moderne Oper erwartet hatten.

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