Kultur : Bonsaiblüten

„Alte Freunde“ im Berliner Renaissance-Theater

Christine Wahl

Die Männerkomödie „Alte Freunde“ beginnt mit einem homosexuellen Mittvierziger, der liebevoll seinen Bonsai gießt. Dann klingelt das Telefon. Und schon hat der studierte Kunsthistoriker Pieter, der seit 22 Jahren auf einem Gelegenheitsjob in der Kulturverwaltung festhockt, ein Problem. Er schleppt regelmäßig Gemälde aus dem Rathauskeller, wo die Behörde ausrangierte künstlerische Entgleisungen verschimmeln lässt. Wie es das erste Komödiengesetz will, bringt es Pieters Keller-Favorit posthum zu ungeahntem Ruhm von drei Millionen Euro, und die Stadt will alle acht Bilder zurück. Der Hobbybotaniker hat aber nur noch vier.

In dieses Telefonat bricht das zweite Komödiengesetz herein, in Gestalt eines aufstrebenden Politikers (Hans-Werner Meyer), dem auf der Flucht vor seiner kriselnden Ehe Namen und Geburtsdaten seiner Kinder abhanden gekommen sind. Gesetz Nummer drei folgt in Person eines koksenden Juristen (Boris Aljinovic), der – weil man ihn in Barcelona zugedröhnt in einer Feinrippunterhose aufgriff – zwei Jahre in der Psychiatrie verbrachte. Nummer vier ist ein alternder Theaterregisseur (Josef Bilous), der „aus inhaltlichen Gründen“ in jeder Inszenierung eine nackte 18-Jährige auf die Bühne stellt.

Ein schwuler Bonsaigießer, ein Stromlinienkarrierist, ein drogenabhängiger Advokat, ein notgeiler Theaterregisseur und eine unfähige Kulturbehörde – kann das gut gehen? Die überraschende Antwort lautet: Ja. Die niederländische Autorin Maria Goos hat die Stereotypenkiste nicht genommen, um nach allen Regeln der Unkunst auf ihr herumzureiten, sondern katapultiert ihre Figuren mit überraschenden verbalen Haken heraus. Zugegeben: Wenn wir es hier tatsächlich mit der „wahrscheinlich besten niederländischen Komödie“ zu tun hätten – Regie der deutschsprachigen Erstaufführung: Dietmar Pflegerl –, würde man sich Amsterdam nicht unbedingt für eine Lachtherapie aussuchen. Denn Goos’ Männerquartett hat durchaus mit Längen zu kämpfen. Andererseits macht gerade das diese Komödie sympathisch: dass nicht jeder Satz in einen Schenkelklopfer münden will.

Die „alten Freunde“ sitzen auf einer lilafarbenen Ledersitzgruppe (Bühne: Werner Hutterli) und gestehen sich Potenzstörungen. Sie bestellen sich eine Geburtstagsstripperin (wagemutig: Janina Rudenska) aufs Zimmer, brillieren in einer Blues-Brothers-Choreografie und tun nichts, was auch nur ansatzweise das Männerbild revolutionieren würde. Aber weil sie sogar einen Bonsai gießen können, ohne ihre Figuren an einen billigen Komödienstadl zu verraten, macht dieser Abend Spaß. Rufus Becks Pieter vermeidet jeden Anflug einer Tunten-Karikatur. Josef Bilous beweist, dass ein Regisseur, der Schauspielerinnen auszieht, nicht aus dem Mundwinkel sabbern muss. Boris Aljinovics Koks-Jurist kann eine Depression spielen, ohne sich in Schrei- oder Heulkrämpfen zu winden. Und Hans-Werner Meyer umgeht die üblichen Pokerface-Posen. Über die Politiker-Pointen freuen sich übrigens ganz besonders die Premierengäste Horst Köhler und Klaus Wowereit.

Bis 17. 4. jeweils Di bis So, 20 Uhr

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