Kultur : Bootsdrama: Kein Land in Sicht

Armin Lehmann

Die Sonne brennt erbarmungslos. Auf dem norwegischen Frachter "Tampa" gibt es kaum Schutz vor ihr. In der Nacht weht der Wind dagegen kühl. Die sanitären Einrichtungen sind nicht ausreichend, zahlreichen Flüchtlingen geht es gesundheitlich nicht gut. Vor allem die schwangeren Frauen brauchen dringend ärztliche Betreuung. Bisher waren nur drei australische Militärärzte auf dem Schiff. Die internationale Organisation "Ärzte ohne Grenze" aber ist skeptisch, "über die Objektivität der Australier".

Die meisten der rund 440 Flüchtlinge, die der norwegische Kapitän vor einigen Tagen aus akuter Seenot gerettet hat, kommen aus Afghanistan. Aus dem Land, dem das Taliban-Regime seit einigen Jahren seinen radikal-islamischen Glauben mit aller Gewalt aufzwingt und dabei auch nicht davor zurückschreckt, Andersdenkende umzubringen - vor allem Frauen, auch Kinder. Sie kommen aus dem Land, dem die internationale Gemeinschaft ständig Barbarei und Menschenunwürdigkeit vorwirft. Seit Jahrzehnten flüchten die Afghanen wegen der zahlreichen, ganz unterschiedlichen Kriege aus ihrer Heimat. Der Exodus hat mit Beginn der Taliban-Herrschaft aber noch einmal zugenommen. Allein im benachbarten Pakisan müssen Hunderttausende unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Manche schaffen es, von dort weiterzukommen. Zum Beispiel mit einem Schiff.

Gefangen auf einem Schiff, heimatlos auf den Weltmeeren, Stürmen und Unwettern ausgesetzt - das ist keine Erfindung der Filmindustrie, kein böses Märchen ohne Happy End. Es ist die Realität, eine Realität mit Tradition. Das letzte Jahrhundert hält genügend Beispiele parat, die anscheinend nie abschreckend genug waren, denn in der einen oder anderen Form wiederholen sich die Dramen auf der See.

Am 13. Mai 1939 lief die "St. Louis" mit über 900 jüdischen Vertriebenen in Richtung Havanna aus, die meisten von ihnen hatten eine Landeberechtigung für Kuba. Auf der Insel aber wurde ihnen diese Erlaubnis wieder entzogen. Verzweifelt, krank und ohne Hoffnung mussten die Juden mit dem Schiff wieder nach Europa zurückkehren. Die meisten kamen schließlich in europäischen Ländern unter. Aber nur vorläufig. Später wurden viele doch noch von denen ermordet, vor denen sie geflüchtet waren: den Nazis.

Zuvor, im Juli 1938, war die Konferenz von "Evian" gescheitert, bei der sich Delegierte aus 32 Ländern trafen, um über Kontingente für die Aufnahme jüdischer Vertriebener zu verhandeln. Die Konferenz blieb ergebnislos, weil sich vor allem die großen Einwanderungsländer wie die USA, aber auch Australien, weigerten, Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Jahr später machte Hitlers Angriffskrieg jede Verhandlung zunichte. Mit der Genfer Flüchtlingskonvention hat die internationale Gemeinschaft auch die Lehren aus "Evian" gezogen.

Später, im "Kalten Krieg", waren diese Lehren vergessen. Die vietnamesischen "Boatpeople", die nach 1975, vor allem zwischen 1978 und 1979 ihr Land verließen, wurden beispielsweise von malayischen Booten angeschossen und zurück auf die hohe See geschleppt. Auch daran wurden die internationalen Beobachter erinnert, weil die australische Regierung erst nach sehr langem Zögern und unter dem Druck der Weltöffentlichkeit erklärte, das Schiff nicht zur Rückkehr in internationale Gewässer zwingen zu wollen. In den 70er Jahren begann auch die beeindruckende Geschichte der Cap Anamur um Rupert Neudeck, der sich mit seinen Leuten aufopferungsvoll um die "Boatpeople" kümmerte und bis heute ein ständiger Mahner im Auftrag der Menschenrechte ist.

Ausgerechnet Australien war es damals, dessen Regierung sich aufgrund der vietnamesischen Massenflucht über das Meer stark machte für internationale Resolutionen. Zusammen mit dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, dem UNHCR, haben sich die Australier engagiert. Mit Erfolg. Der so genannte Diserio-Plan des Exekutivkommitees des UNHCR war eine Resolution zur Rettung von Asylsuchenden in Seenot. Ohne völkerrechtliche Bindung zwar, aber immerhin ein Versuch, das Problem zu lösen. Die Unterzeichnerstaaten, zu denen Australien gehörte, erklärten sich bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen, zumindest temporär. Ein zweiter UNHCR-Plan versuchte sogar, die Entschädigungsfragen wegen der finanziellen Einbußen der Reedereien, die mit ihren Schiffen Flüchtlinge aufnehmen, zu klären. Vor allem der Westen gab Geld, das der UNHCR verwaltete und in konkreten Fällen auszahlte.

Doch die damalige Flucht über das Meer galt als Massenflucht. Der "Kalte Krieg" sorgte dafür, dass das Interesse des Westens konstant groß war. Die afghanischen Flüchtlinge auf dem norwegischen Frachter stehen zwar jetzt auch im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. An die Genfer Flüchtlingskonvention oder die UNHCR-Programme aber lässt sich Australien zurzeit nur unwillig erinnern und gibt so dem Vorwurf Nahrung, Australien habe die Gesetze der Humanität zurzeit aus innenpolitischen und wahltaktischen Gründen außer Kraft gesetzt.

20 Jahre Krieg und die schlimmste Dürre seit 30 Jahren haben für Millionen von Menschen in Afghanistan zu einer katastrophalen Situation geführt. In den vergangenen Monaten haben die Teams von "Ärzte ohne Grenzen" in Afghanistan selbst auf einen Skorbut-Ausbruch und eine anhaltende Cholera-Epidemie reagieren müssen. Nicht nur Australien steht in der Veranwortung.

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