"Borat" : "Unter der Gürtellinie"

Die kasachische Gemeinde in Berlin tut sich schwer mit dem Film "Borat". Einerseits sei der Streifen "respektlos und irreführend", andererseits habe er Kasachstan wenigstens bekannt gemacht, heißt es dort.

Berlin - Das kleine türkische Theater "Tiyatrom" in Berlin-Kreuzberg füllt sich langsam. Die meisten der rund 60 Besucher, die zu dem kasachischen Musikabend gekommen sind, kennen sich und begrüßen sich freundlich. Der seit vergangenen Donnerstag in den deutschen Kinos laufende Film über den kasachischen Starreporter Borat Sagdiyev steht zwar nicht im Mittelpunkt des Abends. Doch auch in der kleinen kasachischen Gemeinde wird über "Borat" diskutiert. Die meisten stehen dem Film, der bereits an die Spitze der US-Kinocharts stürmte, jedoch ablehnend gegenüber.

In "Borat" bricht der britische Komiker Sacha Baron Cohen als Reporter in einem rückständigen Dorf in Kasachstan mit einem von Pferden gezogenen Auto nach Amerika auf. Zweck des Trips: "Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen". Für einige ist der Streifen bereits die Kultkomödie des Jahres. Die kasachische Regierung dagegen protestierte bereits wiederholt gegen "Borat", da er ein verzerrtes und rückständiges Bild des Landes zeichne.

"Unter der Gürtellinie"

Der Film sei "unter der Gürtellinie, respektlos und irreführend", sagt auch der Vorsitzende der Kasachischen Gemeinde in Berlin e.V., Yunusbey Toraman. Kasachstan sei ein "modernes und westlich geprägtes Land". Doch er wolle sich nicht zu sehr aufregen, damit der Film nicht noch bekannter werde. Eine Anzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung wie die Sinti und Roma werde man nicht stellen. Toraman geht davon aus, dass "die Sache in ein paar Wochen erledigt ist".

Die 30 Jahre alte Gülbahar Tosun will sich die Komödie auf keinen Fall ansehen. Auch Erkin Tashquin reichen bereits die Trailer, die er gesehen hat. Der Film habe nichts mit Zentralasien zu tun, kritisiert der 28-jährige Usbeke. Vor allem die Flagge habe für die Kasachen eine sehr große Bedeutung. Sie müsse mit Respekt behandelt werden.

Niemand hat gewusst, wo Kasachstan liegt

Die himmelblaue Flagge Kasachstans mit der goldenen Sonne und einem Falken hängt an diesem Abend auch hinter den festlich gekleideten Musikern auf der Theaterbühne. Mit Zupfinstrumenten wie der traditionellen Dombra, Trommeln und Glocken spielen die Musiker schnelle und rhythmische Volkslieder.

Die 22-jährige Colpan Öztürk sagt, man dürfe "Borat" nicht so ernst nehmen. Auch die MTV-Show des Komikers sei eine Sendung für Jugendliche gewesen. Sie könne auch darüber lachen. Schließlich nehme er doch jeden auf den Arm, auch sich selbst, sagt die gebürtige Berlinerin. Vor dem Film hätten die meisten doch gar nicht gewusst, wo Kasachstan überhaupt liege.

150 Kasachen in Berlin

Die 22-Jährige ist mit ihrer Mutter gekommen, die 1968 nach Deutschland kam und deren Mutter wiederum zuvor aus Kasachstan geflohen war. Eigentlich habe ihre Familie also drei Heimatländer, sagen die beiden. Von dem Land, in dem sie selbst noch nie war, sagt die junge Frau, sie wisse, wie es wirklich aussehe.

Zur kasachischen Gemeinde in Berlin gehören laut Toraman 23 Familien. Vom Säugling bis zum Großvater sind dies etwa 150 Menschen. Die meisten Familien sind in den 40er und 50er Jahren nach Indien, Pakistan oder in die Türkei ausgewandert. Später kamen sie als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Die größte kasachische Gemeinde in Deutschland gibt es mit mehr als 100 Familien in Köln. In München leben etwa 70 Kasachen. (tso/ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben