Kultur : "Boris Godunow": Wir chargieren um die Wette

Jörg Königsdorf

Es sähe Ingo Metzmacher ähnlich, wenn er diesen neuen "Boris Godunow" einfach als hintersinnigen Beitrag zum Verdi-Jahr aufs Programm gesetzt hätte. Während andernorts "Aida", "Otello" und "Don Carlos" auf den Spielplänen prangen, präsentiert Hamburgs Ritualen abholder Generalmusikdirektor genau das Werk, das als einzig gültiger Versuch historisch-politischen Musiktheaters neben Verdi Bestand hat.

Statt festlicher Ketzerverbrennungen also ewig leidendes Mütterchen Russland, statt Verdis allmächtigem Großinquisitor im "Carlos" Modest Mussorgskys Intrigant Fürst Shuisky. Der wieselt in Hamburg gleich zu Beginn auf der Vorderbühne umher und setzt die Klagen des Chorvolks mit Scheinwerfern und Bühnendrapierung in Szene. Alles Propaganda - selbst die Zarenkrönung spielt sich im Filmstudio ab. Die Oper wird zur Inszenierung der Inszenierung.

Regisseur Travis Preston verspricht hier viel und hält so gut wie nichts. Es sei eine Zumutung, 170 Mann auf der Bühne bewegen zu müssen, hatte er schon im Vorfeld gewettert - ein Eingeständnis, dass Preston mit der großen Choroper "Boris" offenbar weder handwerklich noch künstlerisch etwas anfangen kann. Man merkt diese Lustlosigkeit nur allzu deutlich. Ratlos stehen die Choristen in Nina Flagstads unentschiedenen Bühnenbildern herum und prüfen durch ihren erschreckend fahrigen Gesang allein die Leidensfähigkeit des Publikums. Selbst in den intimeren Szenen herrscht szenische Anarchie: Jeder hilft sich mit dem Gestenrepertoire jahrelanger Bühnenroutine.

Bei Paata Burchulaadze, der weltweit schon über 100 "Borisse" abgeliefert hat, heißt das vor allem Augenrollen und Händeringen nach bester, schlimmster Bolschoi-Manier. Alle chargieren um die Wette, Yvonne Naef als ehrgeizige Polenprinzessin Marina und Egilis Silins als ihr Beichtvater Rangoni singen dabei wenigstens charakterstark. Allein Albert Bonnema, einer der besten Darsteller unter den Operntenören, kann wenigstens ansatzweise die Triebkräfte des Träumers Dimitri vermitteln.

Fast scheint es, als ob alle Beteiligten die Produktion schon aufgegeben hätten: Die Hamburger Philharmoniker spielen so unkonzentriert wie noch bei keiner Metzmacher-Premiere, und selbst der Chef macht sich im Graben ganz klein. Mehr als eine Staubanalyse zerbröselnder Grauwerte bringt Metzmacher bei seinem aus Ur- und Originalfassung zusammengestückelten "Boris" nicht zu Stande. Als ob er nur beweisen wollte, dass Verdi doch der bessere Musikdramatiker war.

0 Kommentare

Neuester Kommentar