Bossa Nova : João Gilberto und die Leichtigkeit des Kolibris

Seit 30 Jahren sitzt er in seiner Wohnung und spielt jede Nacht Gitarre: João Gilberto, die Seele des Bossa Nova und ein Pop-Phantom wird 80. Eine Spurensuche.

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Bim Bom. João Gilberto in guter Gesellschaft.
Bim Bom. João Gilberto in guter Gesellschaft.Foto: picture-alliance / united archiv

Brasilien war in den späten fünfziger Jahren eine Nation im Aufbruch. Während der Amtszeit des sozialistischen Präsidenten Juscelino Kubitschek, zwischen 1956 und 1961, erlebte das fünftgrößte Land der Erde einen Modernisierungsschub. Die kurze Phase der Prosperität, die sich in der Gründung der neuen Hauptstadt Brasilia manifestierte, fand auch in der populären Musik ihren Widerhall. Eine Generation junger Künstler trat in Rio de Janeiro und São Paulo auf den Plan und machte den Platzhirschen das Territorium streitig.

Die Bewegung war noch keine Welle, als sie ihren Namen bekam: Bossa Nova. Aber sie besaß mit Antônio Carlos Jobim schon einen herausragenden Komponisten, der Lieder wie „Chega de Saudade“ oder „Desafinado“ schrieb, die später zu Welthits wurden. Was noch fehlte, war eine adäquate Stimme, denn frühe Interpreten wie Elizete Cardoso standen noch in der Tradition der Samba und der populären Baião-Schlager.

Und dann kamen „eine Minute und neunundfünfzig Sekunden, die alles veränderten“, wie Ruy Castro in seinem Standardwerk „Bossa Nova – The Sound of Ipanema“ schrieb. Gemeint ist João Gilbertos im Juli 1958 entstandene Aufnahme von „Chega de Saudade“. Gilbertos Stimme ist mehr ein in die Seele kriechendes Flüstern und brach mit jener voluminösen Sentimentalität, die in Brasilien als Merkmal eines guten Sängers galt. Dazu zupfte er kolibrifederleichte, synkopierte Gitarrenakkorde. Wie nervenaufreibend die Studiosessions mit dem überempfindlichen Gilberto waren, hört man dem Song keine Sekunde lang an. „Chega de Saudade“ wurde nicht sofort ein Publikumserfolg, hatte aber großen Einfluss auf die junge Musikergarde: Alle wollten plötzlich so singen und Gitarre spielen wie João Gilberto.

Der hatte auf seinen Durchbruch lange warten müssen. Bereits 1951 war er mit 19 aus seiner Heimat im nordöstlichen Bundesstaat Bahia nach Rio gegangen, wo er als Sänger des Vokalquintetts Garotos da Lua eine Chance bekam, aber wegen seiner Unzuverlässigkeit bald wieder gefeuert wurde. Ohne festen Wohnsitz, von einem Freund zum nächsten ziehend, verbummelte er etliche Jahre, ehe er eine Weile zu seiner Schwester aufs Land ging. Dort, so will es die Legende, soll er monatelang die nackten Kacheln des Badezimmers angesungen und dabei seinen eigenen Stil gefunden haben.

Nach dem kommerziellen Triumph seiner 1959 erschienenen LP „Chega de Saudade“ fügte sich Gilberto nur widerstrebend in die Rolle eines nationalen Popstars: Radio- oder Konzertauftritte waren heikel, denn der kapriziöse, bisweilen auch cholerische Künstler pflegte bei kleinsten Unstimmigkeiten abzubrechen. Zwar führte er immer noch die wenig abgesicherte Existenz eines Bohemiens, aber das änderte nichts an seinem Selbstbewusstsein.

Mit Jobim verband ihn eine langjährige Freundschaft, doch künstlerisch schätzte er ihn nur als Komponisten und ließ ihn spüren, wie wenig er von seinem instrumentalen und stimmlichen Talenten hielt. Gilberto dagegen war ganz Interpret und als solcher sofort stilprägend – wie Elvis im Rock ’n’ Roll. Als Komponist trat er fast gar nicht in Erscheinung, auch wenn ihm mit dem 1956 verfassten „Bim Bom“ der mutmaßlich erste Bossa- Nova-Song zugeschrieben wird.

Durch seine Heirat mit der neun Jahre jüngeren Astrud Weinert und die Geburt des Sohnes Marcelo wurde aus dem unsteten Wanderer für eine Weile ein sorgender Familienvater. Das änderte sich spätestens 1962 mit dem legendären Bossa- Nova-Festival in der New Yorker Carnegie Hall. Gilberto nutzte wie viele Kollegen die Gelegenheit und blieb in den USA. Astrud kam nach, aber da hatte ihr Mann bereits seine spätere zweite Frau Miúcha kennengelernt.

Mit Jobim und dem Saxofonisten Stan Getz spielte er 1963 eine LP ein, die nicht nur zu den bestverkauften in der Geschichte des Jazz gehört, sondern auch einen Pop-Evergreen enthält. „The Girl from Ipanema“ wurde ironischerweise nicht für João, sondern für Astrud Gilberto zum Sprungbrett: Aus der Singleversion wurde sein portugiesischer Gesang herausgeschnitten, Astruds englischer blieb und verhalf ihr zu Weltruhm.

Vielleicht haben Rückschläge wie dieser oder der Umstand, dass ihn Jobim 1966 nicht zu den Aufnahmen für ein Album mit Frank Sinatra hinzuzog (was er ihm angeblich zeitlebens nicht verziehen hat), dazu geführt, dass die Laufbahn eines der talentiertesten Musiker seiner Zeit im Sande verlief. João Gilberto zog mit Miúcha und der Tochter Bebel in den USA und Mexico herum, kurierte reale oder eingebildete Krankheiten und nahm alle Jubeljahre mal eine Platte auf.

1980 kehrte er nach Brasilien zurück und lebt seitdem zurückgezogen in einem Apartmenthaus in Rio, das er offenbar nur verlässt, wenn ihn seine finanzielle Situation dazu zwingt, für horrende Gagen ein paar Konzerte zu geben oder gar eine neue Platte einzuspielen. Aber das geschah zum letzten Mal vor zehn Jahren. Angeblich schläft er grundsätzlich tagsüber und übt nachts stundenlang Gitarre. Das und andere Marotten führten zu einer Räumungsklage seines Vermieters, die ihn vor einigen Monaten zum Wohnungswechsel nötigte.

Die Dualität aus früher Vollendung und späterer Totalverweigerung macht João Gilberto zu einem der interessantesten Phantome der Popgeschichte. Seine ersten Platten klingen über 50 Jahre nach ihrer Entstehung zeitlos modern und können einen sofort gefangen nehmen. Dies umso mehr, als sie lange kaum zugänglich waren, weil Gilberto nach Rechtsstreits mit seiner Plattenfirma jegliche CD-Veröffentlichungen untersagte.

Das sei so, „als würde Salingers ,Fänger im Roggen’ nicht mehr verlegt“, schrieb der Journalist und Buchautor Marc Fischer in seiner anrührenden Langzeitreportage „Hobalala – Auf der Suche nach João Gilberto“ (Rogner & Bernhard, 17,90 Euro). Fischer, der am 2. April, kurz vor Erscheinen seines Buches, 40-jährig verstarb, hatte sich „an Gilberto infiziert“ und in Rio versucht, den Geheimnissen des großen Verrätslers auf die Schliche zu kommen.

Zwar erreicht er sein Ziel nicht, Gilberto zu treffen und ihn zu bitten, das Lied „Hobalala“ auf der mitgebrachten Gitarre zu spielen. Doch er trifft Zeitgenossen und Kollegen, ehemalige und gebliebene Freunde, eine frühere Geliebte samt unehelichem Kind, die Ex-Frau Miúcha, Restaurantbesitzer, Manager, Plattenarchivare und andere Satelliten, die um das verschollene Zentralgestirn der brasilianischen Popmusik kreisen und allerlei Seltsames, Kurioses und auch Erschreckendes berichten. Fischers Buch ist wunderbar leicht geschrieben und offenbart die rhythmische Schönheit und zu Herzen gehende Melancholie der Bossa Nova. Vielleicht schenkt ja jemand João Gilberto heute zu seinem 80. Geburtstag ein Exemplar und liest ihm daraus vor. Und womöglich könnte es dem menschenscheuen Meister sogar einen Song entlocken.

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