Bosse in Berlin : Der Dauerläufer

Feiner Deutschpop: Bosse spielt zum Abschluss seiner „Kraniche“-Tournee in Berlin.

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Das Bosse-Prinzip heißt Bosse. Hier bei einem Konzert 2013.
Das Bosse-Prinzip heißt Bosse. Hier bei einem Konzert 2013.Foto: Uwe Anspach/dpa

Wer das Prinzip Bosse verstehen will, der muss eigentlich nur einen Moment lang genau hinschauen. Während des Songs „Drei Millionen“ möchte der Songwriter, so sagt er, die Hände des Publikums sehen. Derlei Bitten kennt man von Rockkonzerten, meistens zeigt man stattdessen die kalte Schulter. Wenn der Mann, der am Konzertabend 34 Jahre alt wird, aber da auf der Bühne steht, eher unkontrolliert tanzt und „Okay, Hände, Hände, Hände“ ruft, dann ist das sehr sympathisch. Ein bisschen Grönemeyer vielleicht. Also Rockstar ohne Rock. Ein bisschen ist Axel Bosse aber auch wie wir alle. Jeans, T-Shirt, schwarze Jacke. Nicht die Supermodelfigur. Aus Braunschweig, wohnhaft in Berlin, Familienvater. Dauerverlegen wirkt er, auch ein wenig rastlos.

Bei flüchtiger Beschäftigung ist man geneigt, Bosse in einen Topf zu werfen mit all den anderen, die mehr oder weniger jung sind und auf Deutsch mit mehr oder weniger Soul ihre Alltagsprobleme besingen. Das greift aber nur bedingt, denn bei Bosse findet man eine Menge mehr. Erst mal hat der Kerl Durchhaltevermögen: Seine ersten beiden Platten „Kamikazeherz“ und „Guten Morgen, Spinner“ erschienen bei einem Majorlabel und verkauften sich eher mäßig. 2009 wurde Bosse zur Ich-AG und veröffentlichte auf seinem eigenen Label. „Taxi“ wurde zum Achtungserfolg, er unterschrieb bei Universal. Es folgten die Alben „Wartesaal“ (2011) und „Kraniche“ (2013). Auf Ersterem sang Anna Loos, Letzteres schaffte es auf Platz vier der Hitparaden. Bosse gewann Stefan Raabs in die Jahre gekommenes Tschingderassabum „Bundesvision Song Contest“, und wie er da am Ende der Sendung ungelenk durch den Konfettiregen tanzte, war das wieder so ein sympathischer Bosse-Moment.

Jetzt also das Tourende. Der Auftritt in Berlin ist ausverkauft, so sehr, dass selbst an der Rückwand der C-Halle noch ständiges Gedränge herrscht. Die Luft ist tropisch, es tropft von der Decke. Bosse hat ein großes Ensemble dabei, Streicher, vor allem aber Bläser. Man merkt, dass er das alles schön üppig haben möchte. Bei „Die Irritierten“ schmettert Bastian Wenk die Trompete, den kennt man von den Tex-Mex-Rockern Calexico. „Istanbul“ beginnt orientalisch, acht Musiker bemühen sich, Pop kurz mal Pop sein zu lassen und den Zuschauer dahin mitzunehmen, wo Bosse „Kraniche“ schrieb, nämlich nach Istanbul, in die Heimatstadt seiner Frau, wo man, wie er sagt, „halt nicht im Ökoladen einkaufen muss und so“. Das 17 Jahre alte „Niemand vermisst uns“ wird dagegen eher umzärtelt als begleitet. Eine Geige, ein Klavier, Spot auf den Sänger.

Bosse spielt lange, 18 Songs werden es am Ende sein, zwei Stunden Programm. Das Publikum ist gemischt. Vorne schwenkt jemand eine Fahne. Hinten ein paar Eltern mit Kindern. Viele Mädchen, ein paar haben ihre Jutebeutel-Jungs mitgebracht. Bei „Tanz mit mir“, einem der drei Songs im Zugabenblock, erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Auf gute zehn Minuten streckt Bosse das Stück, bedankt sich bei seiner kompletten Crew. Und erst als er die Textzeile „Zieh’ deine Jacke aus“ singt, fällt auf: Er selbst hat seine den ganzen Abend über nicht abgelegt. Wie einer, der nie zur Ruhe kommt, der immer auf dem Sprung ist. Guter Typ, dieser Bosse.

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