Kultur : "Boston Marriage": Butter für den Boulevard

Ulrich Deuter

Wer beherrscht sie noch, die gelassene Herablassung gegenüber dem Leben, das Talent, Lust und Liebe als ein Sujet zu begreifen, an dem man Geschmack, Kennerschaft und vor allem überlegene Ironie beweist? Ausgerechnet ein Amerikaner, der Autor David Mamet, hat nun dieser urbritischen Tugend des vollendeten Stils ein Ständchen gebracht: "Boston Marriage". Das Stück kam vor zwei Jahren in Cambridge (Massachusetts) heraus und erlebte nun in Köln seine deutschsprachige Erstaufführung.

In dem knapp zweistündigen Salonstück passiert fast nichts, die Welt bleibt vor der Tür, alles ist Sprache, Konversation. Wie Pingpong-Bälle schnippen die Aperçus und Sottisen zwischen Claire und Anna hin und her, streifen gelegentlich das Netz nachlässig schiefer Bilder, steigen auf ins gekonnt Melodramatische, schmettern auch mal ins Aus einer groben Bemerkung und enden in einem ebenso absurden wie rührenden Finale. Die beiden Wortsportlerinnen sind Damen irgend einer Upper class wohl um die Jahrhundertwende, zwei Freundinnen, die einmal ein Liebespaar waren - "Boston Marriage" hieß im viktorianischen Neuengland eine solche Liaison (und darum ist der deutsche Titel "Die Schwestern von Boston" ein Verlust).

Diesen beiden weiblichen Dandys jenseits der Jugendgrenze lauschen wir: ihrer Kunst, alle Fährnisse des Lebens durch ein Bonmot in Nichts zu verwandeln, die eigene Eifersucht als Anlass für Spott und Pose, die eigene Leidenschaft als Spiel zu begreifen. Und wir erleben die vornehme Begabung, mit der sie dem unentwegt hereinplatzenden, lieb-dummen Dienstmädchen Catherine als einer quantité négligeable begegnen: Sie beachten sie nur, wenn sie ein Ziel für ihre verbalen Schmetterbälle brauchen. Der Ort: Annas Salon, wo Claire sie besuchen kommt.

Anna lässt sich mittlerweile von einem Mann aushalten, der ihr just ein Smaragdhalsband verehrt hat. Sie liebt Claire noch immer, doch die ist frisch für ein junges Mädchen entflammt, das sie in Annas Wohnung bringen will, um sie dort zu verführen. Welche Zumutung! Und welche Herausforderung an Annas Fähigkeit zu Stil und überlegenem Laissez-faire. Man trifft ein Arrangement, Anna will und darf Vouyeuse sein, das Mädchen erscheint - und flieht sofort, denn sie erblickt an Annas Hals das Collier ihrer Mutter! Wie in Gesellschaftskomödien üblich, kennen die Figuren die wahren Beziehungen anderer Figuren nicht, hier ist Claires Geliebte die Tochter von Annas - natürlich verheiratetem - Verehrer und damit der Skandal perfekt.

In Köln wird Anna von Nicole Heesters und Claire von Susanne Barth gespielt, in Herbert Schäfers gänzlich altrosa umpolsterter Guckkastenbühne huschen und wandeln die beiden Freundinnen auf zwei schmalen, Rosenblätter bestreuten Stufen wie in einem Bilderrahmen umher, räkeln und spreizen sich, zeigen jenen sanften Hüftschwung und jene ausladend-gemessenen Armbewegungen, lassen jenen tremolierend-schnippischen Tonfall hören, wie sie den Damen jedes Boulevardtheaters eigen sind. Doch der verbrauchte Gestus bleibt nicht allein, aus Anna funkelt bald die treffsicher trockene Intelligenz einer Gertrude Stein, und Claire offenbart einen zunehmend frischer werdenden Egoismus, der der anderen an herziger Bosheit nicht nach steht. Fieberhaft, doch ohne die Laune zu verlieren, überlegen die Rivalinnen in Wort und Gefühl, wie man das scheue Mädchen und ihren düpierten Vater und damit Lust und Apanage zurück gewinnen kann.

Wieder platzt Catherine (Josefin Platt) herein, ihr hat die Regie einen extrablöden Blick verordnet, dazu Brille und Zöpfe. Für das arme Mädchen hat Claire Sätze übrig wie: "Wenn du heute rausgehst, vergiss nicht, deinem Freund zu sagen, dass er dir den Rücken abbürstet, wenn ihr vom Boden aufsteht." Ein reichlich absurder Plan wird gefasst; ein Brief mit der Rückforderung des Colliers läuft ein; das Schmuckstück verschwindet, Zuchthaus droht - die Probleme sind mittelschwer, doch die Wortduelle rauschen in melodramatische Höhen. Wichtig ist nur, dass Claire am Ende zu Anna zurückkehrt. Wohl, weil die über die eleganteren Redewendungen verfügt - oder über den Knopf für den Bühnenschnee, in dessen Rieseln beide in Köln davongehen.

Nach zahlreichen Stücken über political correctness ("Oleanna") und den moralischen Niedergang der Gesellschaft ("Hanglage Meerblick") hat Mamet, Jahrgang 1947, eine Entspannungsübung verfasst, die Nutzen und Schönheit einer gemeinsamen Sprache und funktionierenden Konversation besingt. Die Regie Torsten Fischers wartet mit Hinweisen auf, die ganze Geschichte sei von den Freundinnen zum eigenen Vergnügen bloß inszeniert; das Stück selbst kennt dafür wenig Indizien. Doch wie dem auch sei, es ist Schauspielerinnenfutter und wird darum auf anderen Bühnen - vielleicht pointierter, böser, snobistischer - nachgespielt werden.

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