Boston Symphony Orchestra : Süße Sünden

Donnerwetter, was für ein Klang! Das Boston Symphony Orchestra gilt unter Klassikkennern als eine der besten Formationen der Welt.

Wolfram Goertz

Menschen mit jenem Verfeinerungsgrad des Gehörs, das selbst noch atomische Unterschiede zwischen den Trompeten aus Chicago und denen aus Boston wahrnimmt, werden am 3. September beim Berlin-Gastspiel des Orchesters im Rahmen des „Musikfests“ wissend nicken. Und alle anderen werden jubelnd ausrufen: Donnerwetter, was für ein Klang! Voraussichtlich.

Wer die Gelegenheit hat, vor Ort die Musiker bei der Arbeit zu beobachten, ist zunächst erschlagen, wie jung das Publikum in Boston ist. Superjung geradezu. Scharenweise Teenager, die hier ins Konzert wie zur Fete oder mal eben zu Starbucks gehen. Daneben Banker und Leute, die mit Plastiktüten gerade aus dem Supermarkt kommen. Die wenigen Garderobenständer benutzt kaum jemand, alle gehen mit Mänteln in den weit atmenden, blattgoldglänzenden, humanistisch geadelten und im Übrigen sehr Wienerischen Saal und hängen diese über die Lehnen. Es herrscht eine fidele, lässige Atmosphäre, einige Orchestermusiker sitzen bereits auf dem Podium und üben noch, die anderen trudeln ein. Dann kommt Chefdirigent James Levine, klettert auf sein Höckerchen, und es geht los: Der Saal dampft. Das Orchester pumpt. Es flüstert. Zaubert. Es kann einfach alles.

Maurice Ravels zweite Suite aus „Daphnis et Chloe“ ist schon im ersten Takt ein einziges Mirakel – wenn die Bläser aus dem Stand ein unerhörtes sphärisches Flattern hinkriegen; wenn das Blech sich mit einer regelrecht unverschämten Delikatesse dazu äußert; wenn die Streicher auffahren, sich süß und sündig ergehen. Das kann man wirklich kaum besser spielen.

James Levine ist natürlich ein gewiefter Altmeister seines Fachs, seine Souveränität in vielen Kernbereichen des Repertoires ist Legende. Ravel liegt ihm fantastisch, hier ein leichtes Flirren aus dem Handgelenk, dort ein Hinweischarakter des Ärmchens, keine große Show. Ein modernes Stück von Gunther Schuller hingegen lässt er eher fließen. Mozarts frühe g-moll-Sinfonie wiederum kommt fast ein wenig zu zackig-virtuos daher. Plötzlich klingt das Orchester, als seien die Geigen aus Chrom. Aber mit Mozart werden die Bostoner in Berlin ohnehin nicht zu hören sein, sondern vielmehr mit Werken des in der deutschen Hauptstadt keineswegs unbekannten, sehr originellen Amerikaners Elliott Carter („Three Illusions“), mit dem Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel (Pierre-Laurent Aimard ist der Solist) sowie mit Bartoks legendärem Konzert für Orchester (das dem Orchester und seinem früheren Chef Sergej Koussevitzky gewidmet ist). Also eine sehr europäisch ausgreifende Mischung aus blendender Virtuositätsbezeugung und klassizistisch Abendlandsliebe.

Die indes kommt nicht von ungefähr. Boston ist vermutlich Amerikas europäischste Stadt, an der Ostküste in Neu-England vergleichsweise einsam gelegen, fern jeder Megametropolenprotzerei, nur 600 000 Einwohner in einer kulturell ungeheuer gebildeten und arrivierten City mit vier Universitäten (darunter Harvard) und dem famosen Berklee Music College. Polizeisirenen heulen hier nur selten. Dafür stolpert man allenthalben über Jungvolk mit Instrumenten unterm Arm. Boston ist sehr entspannt. Die Zuhörer werden es in Berlin auch sein. Oder sehr erregt. Vielleicht sogar beides zugleich.

Das Musikfest Berlin beginnt am 31. August mit dem Pellegrini Quartett im Radialsystem. Das Boston Symphony Orchestra unter James Levine ist am 3. September in der Philharmonie zu hören. Informationen unter www.berlinerfestspiele.de

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