Botho Strauß’ Erinnerungsbuch „Herkunft“ : Im Namen des Vaters

Auf knapp hundert Seiten hat Botho Strauß mit "Herkunft" ein gewichtiges Erinnerungsbuch vorgelegt. Der Gedankenabenteurer macht sich wieder ans Erzählen und zeichnet das Porträt des Vaters als poetologische Portalsfigur.

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Wird im Dezember 70 Jahre alt: Botho Strauß
Wird im Dezember 70 Jahre alt: Botho StraußFoto: Ruth Walz

Der Vater ist den ganzen Tag zuhause, seine Arbeit findet am Schreibtisch statt, unterbrochen wird sie nur für die Mahlzeiten und den langen Mittagsschlaf. Dann hängt ein Schild an der Wohnungstür: „Von eins bis drei wird nicht geöffnet.“ Nein, nicht Thomas Mann wird hier in seinen stillen Stunden beschworen, sondern ein Mann, der den Verfasser der „Buddenbrooks“ zu seinen Lieblingsautoren zählt und der selbst sein bedrohtes bürgerliches Habitat pflegt: Eduard Strauß, geboren 1891, freiberuflicher Pharmazeut. Um 1940 war er Miteigentümer einer kleinen Fabrik in Naumburg gewesen, in der frühen DDR wurde er dann unter Zuckerschmuggel-Verdacht verhaftet – ein Vorwand für die Enteignung. In den Westen aber siedelte er über, damit der einzige, 1944 geborene Sohn, von der „kommunistischen Erziehung“ verschont bliebe.

Beruflich konnte Eduard Strauß jedoch nicht mehr Tritt fassen. Er brachte die Familie mit Gutachtenschreiberei über die Runden. Nebenbei veröffentlichte er ein Buch („Nicht so früh sterben! Der Weg zu einem gesunden und erfüllten Leben“) und verfasste eine kleine satirische Monatszeitschrift im Alleingang. Die Mutter musste die Exemplare eintüten und an die kontinuierlich schwindende Leserschaft verschicken.

Botho Strauß und das zwiespältige Verhältnis zum Vater

Der junge Botho Strauß hatte ein zwiespältiges Verhältnis zum Vater. Dessen pingelige Gepflegtheit mit Krawattennadel und Weste war ihm peinlich („ich wollte meinen Vater gewöhnlicher haben“). Heute schämt er sich, dass er den Vater lieber übersah, wenn der ihm, von seinem Frühspaziergang zurückkommend, auf dem Schulweg begegnete. Und auch von seinem Tod hat er sich nicht berühren lassen wollen: „Ich habe deinen Tod nicht zu mir genommen damals, im Jahr des Aufbruchs, 1971…. Die Trauer beugte mich nicht.“ Aber dennoch war ihm der Vater ein verlässlicher Gesprächspartner fürs Leben. Und ein Mensch mit prägendem Schicksal.

1916 war es, als ihn ein Geschoss „das Loch in die Stirn bohrte, im Knochen steckenblieb und ein Blutschwall das herausgedrückte linke Auge überströmte“. Alljährlich wurde des „lebenswendenden Treffers“ gedacht. Während die Väter vieler Altersgenossen im Zweiten Weltkrieg verwundet wurden oder starben, hatte Botho Strauss einen Vater, dessen mythische Einäugigkeit aus weiter entfernten Schlachten herrührte: Einübung ins Unzeitgemäße schon in frühen Jahren.

Auf der Flucht vor der Herkunftswelt

Die Darstellung des weltenttäuschten, zum Pazifismus bekehrten und am Ende stolz vereinsamten Eduard Strauß, der ein „ausgefeiltes, zuweilen etwas überschmücktes Deutsch“ schrieb, ist alles andere als ein beliebiges Stück Autobiographie. Es ist ein Porträt des Vaters als poetologische Portalsfigur. Man liest die Werke von Botho Strauß nun anders. Kurz vor seinem 70. Geburtstag hat der Autor ihnen ein lebensgeschichtliches Fundament untergeschoben. Jeder Vater ist ein Rollenmodell, auch in der Ablehnung, und während man in jüngeren Jahren vieles anders machen möchte auf der Flucht vor der Herkunftswelt, spürt man in späteren, wie der Vater tief in einem selbst drinsteckt und sich dort zunehmend breit macht: „Man altert, trotz der sozialen Bedeutungslosigkeit von Tradition, immer noch geradewegs in das hinein, was man einst als rettungslos veraltet empfand.“

„Herkunft“, nur knapp hundert Seiten im Umfang, ist ein gewichtiges Buch. Der Gedankenabenteurer Botho Strauß macht sich wieder ans Erzählen, liefert Bilder der Kindheit im einst kaiserlichen Kurort Bad Ems, wo in den fünfziger Jahren, lange nach berühmten Besuchern wie Dostojewski, Alfred Krupp oder Jenny Lind, die „Sozialverschickten aus dem Ruhrgebiet ihren Bronchialkatarrh kurierten“. Strauss beschwört und erzählt: Badeausflüge an die Lahn, das Abendbrot im elterlichen Gartenhaus am Berg, das erste dem Vater abgetrotzte „Texashemd“, der liebenswürdig verschrobene Onkel, der glaubt, ein mathematisches Welträtsel gelöst zu haben, hutziehende Lehrer, die die Mutter noch mit „gnädige Frau“ anreden, der polternde Direktor des Gymnasiums, der lieber als mit dem Auto mit dem Moped zur Schule kommt, weil „es eine reiterähnliche Haltung ermöglichte“. Der Gebärdensammler Strauß ist in seinem Element.

Vom Bravo-Leser zum Tristan-Schwärmer

Rekapituliert werden kulturelle Initiationserlebnisse zwischen „Emser Lichtspielen“ und dem „schönen Marmorsaal“ im Kurhaus, wo Vortrags- und Theaterabende stattfanden. In Windeseile wird der junge Botho vom „Bravo-Leser zum Tristan-Schwärmer“, der vierzehnjährig seinen ersten Roman kritzelt und der beim Flanieren Überlegenheitsposen pflegt, mal als „Geck im Glencheckanzug“, mal als „Stutzer im blauen Popelinemantel“, mit klackernden Metallplättchen unter den spitzen Halbschuhen.

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