Kultur : Botschaft des großen Flusses

Roman Rhode

Niafunké ist ein kleines Dorf in Mali. Von Bamako aus, der Hauptstadt, erreicht man den Ort nach zwei Tagen Autofahrt. Dabei verliert der Weg allmählich seine ziegelrote Farbe und nimmt die hellen Töne der Wüste an. Schließlich sieht man die grünen Ufer des Niger. Hier wohnt Ali Farka Touré. Als der Gitarrist 1995 mit Ry Cooder das Album "Talking Timbuktu" aufnahm und dafür einen Grammy erhielt, galt Ali Farka schlagartig als bedeutendster Vertreter des afrikanischen Blues. Inzwischen verzichtet er auf Auslandstourneen: "Ich bin zuerst Bauer und dann Musiker. Ich habe elf Kinder und muss viele Menschen versorgen. Wenn ich mein Dorf verlasse, habe ich das Gefühl, ich drücke mich vor der Verantwortung."

Für die Produktion seiner neuen Platte mussten sich die Toningenieure deshalb den Tropenhelm aufsetzen. Sie legten mehrere hundert Meter Kabel in eine Schulruine und richteten ein mobiles Studio ein, das von einem Dieselgenerator gespeist wurde. Ali Farka kümmerte sich unterdessen um seine Felder. Die improvisierten Sessions entstanden erst nach Anbruch der Dunkelheit. Sie lassen sich am besten mit Ali Farkas eigenen Worten beschreiben: "Wenn ich auf den Rhythmus des Flusses horche, spüre ich, dass die Wellen Wörter sind. Um das zu verstehen, musst du an einem Fluss leben. Oder du hörst meine Musik." Und wer darin die schwermütigen Melodien von John Lee Hooker erkennt, der hat begriffen, wie stark Niger und Mississippi durch die Kommunizierenden Röhren des Blues verbunden sind.

Nun soll Afel Bocoum, ein Neffe Ali Farkas, die Saat des Meisters zu neuer Blüte treiben, der 60-jährige Patriarch will sich aus dem Musikgeschäft zurückziehen. Das Solo-Debüt Bocoums klingt vielversprechend. Hier kommt vor allem die warme, hohe Stimme des Sängers und Gitarristen zur Geltung. Seine Band nennt Bocoum schlicht "Alkibar" - "Botschaft des großen Flusses". Das geradezu ethnografische Vorgehen, traditionelle Musik an ihrem Ursprungsort aufzusuchen und aufzunehmen, hat sich auch in Bamako bewährt. Hannibal Records ließ das Album der Kora-Virtuosen Toumani Diabaté und Ballake Sissoko in den Marmorhallen des Kongress-Palastes einspielen. Immerhin ist die Kora so vornehm wie ihr Klang. Mit ihren 21 Saiten, die über einen großen Kürbisresonator gespannt sind, erinnert sie an ein archaisches Instrument zwischen Harfe und Laute. Und das natürliche Tonstudio aus veredeltem Kalkstein verleiht dem lyrischen Saitenspiel erhabene Klarheit.

Toumani Diabaté verkörpert zwar die siebzigste Generation einer Familie von Kora-Spielern, zählt aber auch Carlos Santana, Otis Redding und Jimi Hendrix zu seinen Lieblingsmusikern. Jetzt ist Diabaté auf der neuen Platte von Taj Mahal zu hören. Dieser Vertreter des World-Blues war nicht nur von der ähnlichen Fingertechnik beeindruckt, die Blues-Gitarristen und Kora-Spieler miteinander teilen, sondern Taj Mahal, Sohn eines jamaikanischen Jazzers und einer US-Gospelsängerin, behauptet mittlerweile auch, von einer malischen Musikerkaste abzustammen. So hat er sich ein siebenköpfiges Ensemble aus der Heimat seiner mutmaßlichen Vorfahren ins Studio geholt. Das allerdings liegt am Oconee River in Athens, Georgia, wo die Kirschbäume blühen.

Aber was macht das schon, wenn man, wie Taj Mahal, den Country-Blues und dessen afrikanische Wurzeln im Herzen trägt! Taj Mahal erfüllt sich lang gehegte Träume: "Es führt den Blues von Robert Johnson zu James Brown und immer weiter, dann zurück nach Afrika, und noch einmal im Kreis herum." Mit seinem malischen Spitznamen "Dadi Kouyaté" hätte Taj Mahal sogar als Mangopflücker in Niafunké Erfolg. Die Stimme dazu besitzt er längst, die Gitarren sind auch schon geschultert.Ali Farka Touré: Niafunké. World Circuit / Eastwest; Afel Bocoum: Alkibar. World Circuit / Eastwest; Toumani Diabaté & Ballake Sissoko: New Ancient Strings. Hannibal / Indigo; Taj Mahal & Toumani Diabaté: Kulanjan. Hannibal/Indigo

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