Kultur : Botschaften einer uralten Stadt

Fremde und Freunde: Das In-House-Festival Jerusalem streift durch Luxuswohnungen, Museen und Sozialeinrichtungen.

Ute Büsing

Hinter einer Sandsteinfassade verbirgt sich die Blindenschule von Jerusalem. In blauen Uniformen, weißen Hemden und roten Halstüchern führen uns vier Schüler mit Blindenstöcken durch ihre Einrichtung. Sie erzählen vom persönlichen Umgang mit ihrer Behinderung, der Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit und dem Aufbegehren dagegen. Das grüne Gras im Garten wirkt wie ein Sperrbezirk. Kaninchen und Schildkröten können die kniehohen Gitter ebenso wenig überwinden wie die Schüler.

Das Bild drängt sich auf, und es hat mitten in Jerusalem Symbolkraft. Unwillkürlich denkt der Betrachter an die religiösen und ethnischen Trennlinien in der 800 000-Einwohner-Stadt, an die Checkpoints auf dem Weg ins benachbarte palästinensische Westjordanland. Die privaten Geschichten der Schüler laden sich politisch auf. Unser 19-jähriger Gastgeber verwandelt sich am Ende in einen omnipotenten Actionheld und ballert mit einer Plastikknarre um sich. Die anrührende Performance lehrt uns, mit neuen Augen zu sehen. Das ist die Idee des Jerusalemer „In-House-Festivals“. Begriffe wie Heimat, Zuhause und Zuordnung sollen überprüft werden.

„Es geht uns nicht um coole Site-specific-Projekte, sondern um die künstlerische Eroberung unbekannter Räume im Dialog“, erklärt Dafna Kron, die Kuratorin der zwölf künstlerischen Entdeckungsreisen in neue Erlebniswelten. In der Blindenschule finden sich 70 Zuschauer ein. Auf dem Bett des 25-jährigen Sängers Hanan Ben Simon sind wir sieben. Auch seine kleine Künstlerwohnung ist von weißem Sandstein bewehrt. Im blauen Satinpyjama hockt der hochstimmig Begabte, der kürzlich bei einem „Israel sucht den Superstar“-Wettbewerb in die Endrunde kam, hinter seinen Keyboards. Er besingt die Schwierigkeiten eines jungen schwulen Israelis mit marokkanischen Wurzeln und lädt sein ihm hautnah auf der Pelle sitzendes Publikum ein, Sollbruchstellen und Probleme der eigenen Biografie zu benennen. Auch das gehört zum „In-House-Festival“. Die Gäste sind aufgefordert, sich zu verhalten, mitzutun.

Vollends zum Mitspieler werden wir, auf neureich kostümiert, bei der Begehung eines bereits zu drei Vierteln verkauften Apartmentblocks. Wir treten auf als potenzielle Bewerber für das 243 Quadratmeter große einzige noch verfügbare Penthouse mit Altstadtblick, Kaufpreis: vier Millionen Euro. Bei diesem Spiel um Sein und Schein strikt unterwiesen, die Fassade eines ernsthaften Interessenten zu wahren, begegnen wir dem Verkäufer im Kabelgewirr des achten Stockwerks mit Sach- und Fachfragen und stellen ganz nebenbei fest, aus wie dünnem Holz die Parkettböden gezimmert, wie lausig die Leitungen verlegt, wie dünn die Rigipswände sind.

Immer mehr schnell hingepfuschte Neubauten für betuchte chinesische oder russische Abnehmer von Schöner-Teurer-Wohnen sprießen auf dem historisch getränkten Grund und Boden der uralten Stadt – und verkaufen sich ebenso schnell. Vom Immobilienboom in Jerusalem war schon im Bordmagazin der israelischen Fluggesellschaft zu lesen. Zu sehen waren standardisierte Luxuswohnungen, ewig-gleich öde ausgestattet. Anscheinend unaufhaltsam ist die neue innerstädtische Landnahme durch gesichts- und geschichtslose Großbauten, die nur mit der Sandsteinfassade Rücksicht auf das gewachsene architektonische Ensemble nehmen.

Die Künstlerin Anat Eisenberg hat ihre global funktionierende Immobilienbegehung „Plot no. 50“ bereits auf Festivals in Istanbul und in Berlin erprobt. In der Berliner Reihe der „X Wohnungen“, organisiert vom Hebbel am Ufer, lud sie kurz vor Fertigstellung ins Zoofenster des Waldorf-Astoria-Hotels.

Dass es auch Häuser mit ganz anderen, uralten Geschichten gibt, ist beim Alleingang mit Audioguide durch das Nationalhistorische Museum Jerusalem zu erfahren. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe, angeleitet von einer Frauenstimme im Nacken, tastet sich der Besucher an den arg ramponierten, den Ausstellungskonzepten der 1950er Jahre verhafteten ausgestopften Artefakten wie Wildschweinen, Löwen und Reptilien vorbei ins Innerste der eigenen Unruhe. Wer bist du, Mensch, wird am Ende gefragt, als man aus der Museumswelt in einem großzügig angelegten Park wieder auftaucht, der als nächste Filetfläche auf der Agenda internationaler Immobilienkonzerne stehen soll.

In der Fülle der Performances findet sich der Festivalbesucher aufgehoben in multikulturellen Mengen. Etwa bei dem hinreißenden Konzert, das ein marokkanischstämmiges Paar in seinem zusammengezimmerten, amerikanisch anmutenden Vororthaus gibt. Da kommen die Nachbarn, drängeln sich bei Arak und Oliven auf der Veranda, um mehr als einen Blick zu erhaschen auf ihre einigermaßen berühmten Mitbewohner in einem als arm geltenden Einwandererviertel Jerusalems. Bei gemeinschaftlichem Gesang und Tanz geht es vollends auf, das Konzept von Neuerkundung und hoffnungsfrohem Get Together, das sich das „In-House-Festival“ der Jerusalem Season of Culture (sie läuft noch bis 23. August) auf die Fahnen geschrieben hat. Universelle Botschaft: Die Stadt lebt!

Es ist faszinierend zu sehen, wie Festivalideen sich in der Welt ausbreiten, wie sie exportiert und kopiert werden. Kürzlich erst hat Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Hebbel am Ufer, in der libanesischen Hauptstadt Beirut „X Wohnungen“ eingerichtet. Der Ausgangspunkt ist immer der gleiche: Menschen öffnen ihre Wohnungen, ihre Herzen für Künstler und deren Publikum. Nur die Städte sind verschieden. Und können so weit auseinander liegen. Ute Büsing

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