Kultur : Botschafter der Sehnsucht

Zwei Videoausstellungen in Berlin: Pavel Braila besucht Sinti-Paläste, Eve Sussmann aktualisiert den „Raub der Sabinerinnen“

Nicola Kuhn

Wie im Traum gleiten die Bilder vorüber, sanft und übergangslos. Mal zoomt die Kamera auf eine porzellanene Figur, mal streicht sie an üppigen Vollants entlang. Dazu erklingt Bachs d-Moll-Sonate: zu schön, um wahr zu sein, zu schräg im Zusammenspiel mit den Bildern, um ohne Hintergedanken zu bleiben. Der moldawische Videokünstler Pavel Braila hat tatsächlich einen Traum aufgenommen, der jedoch aus realen Gegenständen besteht.

Es ist die Siedlung „Baron’s Hill“, ein aus vierzig Bauten bestehendes Viertel in dem moldawischen Städtchen Soroca. Hier leben Sinti und Roma unter sich, jedoch nicht in den fantastischen Palästen, die Braila so traumverloren aufgezeichnet hat, sondern in kleinen Hütten nebenan. Von den Prachtbauten benutzen sie im Alltag höchstens eine Kammer, denn all der Luxus ist nur zum Anschauen gemacht. „Baron’s Hill“ ist die reine Demonstration von Reichtum und Macht und wirkt auf den Außenstehenden als bloße Hülle doch genau wie das Gegenteil. Nur zu Festen, zu besonderen Anlässen trifft sich die Familie in den Prunkräumen. Die Paläste wären ohnehin kaum bewohnbar; ihnen fehlen fließend Wasser und Elektrizität.

„Baron’s Hill“, das ist eine Kuriosität, mittlerweile sogar vermerkt in Reiseführern. Doch besuchen kann man die sonderbaren Architekturen normalerweise nicht. Braila bekam Zugang durch die Einladung eines Freundes zum Empfang jenes Zigeunerbarons, der dem Viertel seinen Namen gab. Seine sechsteilige Videoinstallation, die nach Stationen in den USA und Österreich nun in der Neuen Nationalgalerie gezeigt wird, ist eine Hommage an die gebauten Sehnsüchte der Sinti, deren Nichtsesshaftigkeit gerade mit der überhöhten Architektur kompensiert zu werden scheint.

Wie aus einem Warenkatalog, aus Fernsehwerbung, Reisebildern sind die Versatzstücke der Paläste kompiliert. Die Kamera würdigt diese gebauten Sonderbarkeiten mit einer gleich bleibend liebkosenden Aufmerksamkeit, vom Dachfirst mit aufgestecktem Dollarzeichen bis hin zur aufwändigen Intarsienarbeit à la Louis XIV., von den gemauerten Laubengängen im gotisierenden Stil bis hin zur Quadriga, die dem Besucher aus dem Vorgarten entgegensprengt.

Braila sucht nach Verständnis für diesen gebauten Schein. Und doch tappt er selbst in die Falle des Voyeurs, kann sich der exotischen Ausstrahlung nicht entziehen, auch wenn er die Bilder erhaben inszeniert im gläsernen Kubus des van der Rohe-Baus. Wie Triptychen hängt er die Projektionsflächen in die Halle, die in ein bizarres Wechselspiel mit der Außenarchitektur, der Staatsbibliothek, der Philharmonie, dem Potsdamer Platz, eintreten. Die Neue Nationalgalerie entsendet hier in Richtung Berlinale ihren eigenen Beitrag, denn die Brailas Filmbilder laufen rund um die Uhr, ebenso die Musik.

In der Mitte des Saals hat der Künstler ein 7 mal 12 Meter großes Rechteck aus aber Hunderten kleiner Goldbarren auslegen lassen. In Wirklichkeit besitzen sie nur einen sehr geringen Anteil des Edelmetalls, „gipsy-gold“, wie der seit anderthalb Jahren in Berlin lebende daad-Stipendiat erklärt. Auf dem Talmi stehend, hat der Betrachter die beste Sicht auf „Baron’s Hill“.

Vor fünf Jahren wurde die Kunstwelt erstmals aufmerksam auf den moldawischen Videokünstler durch seinen Beitrag „Shoes for Europe“ auf der Documenta XI in Kassel. Damals hatte Braila heimlich das mühevolle Umsetzen der Züge an der rumänisch-moldawischen Grenze gefilmt – von der russischen Spurweite auf die in Westeuropa übliche Schienenbreite. Die nächtlichen Aufnahmen hatten ebenfalls den Charakter von Traumsequenzen, nur dass sich hier ein ganzes Land, ein halber Kontinent in den reichen, befriedeten Westen träumte.

Der 35-Jährige arbeitet wie ein Botschafter solcher Sehnsüchte aus seiner Heimat. Auch wenn die von ihm mitgebrachten Bilder auf den hiesigen Betrachter geradezu irreal erscheinen, so öffnen sie doch den Blick auf ein fernes, nahes Land.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 25. Februar; Di bis Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr.

Eine Steinwüste ist die zur Kultur erstarrte Welt. Streng symmetrisch zwar und hübsch anzusehen – doch unendlich öde. Die Kamera fährt die Treppen des Pergamonmuseums hoch und nähert sich vorsichtig einem Wolf, der auf dem Ehrenhof liegt. Dann sehen wir Anzugträger, Verwaltungshansel, die ideale, aber steinerne Frauenstatuen angaffen. Unruhe macht sich breit.

Mit schlüssigen Bildern beginnt der Film „The Rape of the Sabine Women“ der Künstlerin Eve Sussman. Gemeinsam mit der „Rufus Corporation“, einem Kollektiv aus Schauspielern, Tänzern und Sängern, nahm sich die 1961 geborene New Yorkerin der Sage vom Raub der Sabinerinnen an. Der 80-minütige Film, der nun erstmals in einem Museum, im Hamburger Bahnhof, gezeigt wird, verlegt die Geschichte von den frauenlosen Römern in die sechziger Jahre. Bezugspunkt ist das Gemälde „Les Sabines“: Das 1799 von Jacques-Louis David gemalte Bild zeigt, wie die beraubten Männer sich ihre Frauen zurückerobern wollen. Doch die Sabinerinnen schlichten: „Wer immer siegen mag, er mordet unsere Lieben.“

Mit ihrer Arbeit „89 Seconds at Alcázar“ hat Eve Sussman schon einmal ein altmeisterliches Gemälde (von Velásquez) neu umrissen. Nun erhebt sie das Prinzip der filmischen Adaption ins Monumentale: Im Finale von „The Rape“, als Sabiner, Römer und Frauen im antiken Theater in Athen zusammenstoßen, schwillt das Raunen, Murmeln von 800 Darstellern zu einem Klagelied an – und aus dem Gerangel wird ein staubiges Schlachtenknäuel. Doch zuvor muss die Geschichte vom ewig Weiblichen, das erhebt oder hinabzieht, vom Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist, in fünf Akten ausbuchstabiert werden. Die Männer, die anfangs freudlos durchs Pergamonmuseum schlichen, brechen auf. Man sieht sie auf dem Flughafen Tempelhof, dann, wie in einer anderen Welt, auf dem Athener Fleischmarkt.

Die Räuber leben mit ihren Eroberungen nun in einer modernistischen Villa und versuchen eine Art Synthese aus Museum und Fleischmarkt. Doch glücklich sind sie nicht. So erzählt der Film nicht allein vom Geschlechterkampf und von der Sehnsucht nach dem Süden, sondern durch die Villa hallen auch die unerfüllten, sozialen Versprechen der Moderne: Die Lockerung partnerschaftlicher Bindungen, Großprojekt der sechziger Jahre, schlägt um in Unsicherheit. Wer sich so vieler Topoi bedient, riskiert Klischees. „The Rape“ erschöpft sich mitunter in platten Bildern, etwa wenn in der Villa ein Vogelkäfig hängt.

Doch die Fülle der filmischen Mittel zwischen Nouvelle-Vague, Super-8 oder sich drehender Kamera erzeugt eine drohende Grundstimmung, die Komponist Jonathan Bepler mit Bouzouki-Klängen, Messerwetzen und Sprechchören zu potenzieren weiß. Oft sind es unscheinbare Einstellungen, die dieses opulente Projekt sehenswert machen: Wie Sussmann in romantischer Ironie Kameraleute oder Stylisten zeigt. Auch dieser kleine Junge, der auf einer Schreibmaschine rumtippt, wirkt beiläufig. Spielerisch lernt er Kulturtechniken, auf dass die Geschichte immer weiter geht. Daniel Völzke

Hamburger Bahnhof, bis 4. März, Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa/So 11 – 18 Uhr.

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