Kultur : Botschafterin ohne Haus

MARKUS KRAUSE

"100 Jahre Kunst im Aufbruch" - über diesen Ausstellungstitel könnte man leicht ins Philosophieren geraten.Ist Kunst etwas, das stets im Aufbruch begriffen ist, immer unterwegs, etwas, das nie am Ziel ist ? Und wie steht es mit der Institution, die sie verwaltet? Die Berlinische Galerie jedenfalls ist immer noch nicht da angekommen, wo sie schon lange hingehört: in einem eigenen Haus.Seit ihrer Gründung vor 23 Jahren hat die anfangs private Stiftung lediglich Gastrecht genossen - die vergangenen zwölf Jahre im Martin-Gropius-Bau.Mit der Entscheidung, das Gebäude aufwendig zu sanieren, um es anschließend als repräsentatives Ausstellungshaus der Hauptstadt für Wechselausstellungen zu nutzen, waren ihre Tage als Untermieter gezählt.Seit ihrem Auszug lagert die Sammlung provisorisch auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei am Fuße des Kreuzberges, dort, wo die Galerie irgendwann auch ihr endgültiges Domizil aufschlagen soll.

Der Schwebezustand, in dem sich die Sammlung ohne Haus befindet, ist längst untragbar, eine Entscheidung seit langem überfällig.Nach wie vor ist das Schicksal des Museums jedoch ungeklärt.Daran hat auch die Eröffnung des Berliner Gastspiels in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle am gestrigen Abend nichts geändert, bei der auch Kultursenator Peter Radunski zum Mikro griff.Hätte er sein Versprechen wahrgemacht, dem parlamentarischen Hauptausschuß, der das Geld bewilligen muß, bis Ende September das Finanzierungskonzept für den Umzug des Museums in die Gewölbe der Brauerei vorzulegen, wer weiß, ob er dann nicht mit vollen Händen gekommen wäre? Radunski hatte es jedoch vorgezogen, den Ausschuß um Aufschub bis Ende Dezember zu bitten.Der Grund liegt auf der Hand: Erst einmal abwarten, was die Bundestagswahl bringt, und dann weitersehen.

Jörn Merkert, seit elf Jahren Direktor der Berlinischen Galerie, nimmt das zur Zeit alles recht gelassen.Im Moment steht jedenfalls die Ausstellung im Vordergrund: Über 600 Arbeiten aus allen Sammlungsbereichen, das Beste, was die Galerie zu bieten hat, sind in einem chronologisch und thematisch geordneten Parcours im Obergeschoß der Bundeskunsthalle rund um den Innenhof ausgebreitet.Auch im GropiusBau ist die Sammlung in dieser Fülle seit Jahren nicht mehr zu sehen gewesen, allzu oft hatte sie für andere Ausstellungen das Feld räumen müssen.Merkert erinnert die jetzige Situation denn auch an die von 1986, als die Berlinische Galerie aus den beengten Räumen in der Jebensstraße am Bahnhof Zoo in den großen, repräsentativen Gropius-Bau umzog und die Öffentlichkeit erst da ihre wahre Bedeutung erkannte.

Die Bonner Ausstellung, die den Rang der der Sammlung eindrucksvoll unterstreicht, ist jedoch nicht nur eine politische Angelegenheit.Die Sammlungen anderer deutscher Häuser zu zeigen, hat in Bonn bereits Tradition: 1994 bot sie ihre Räume dem Leipziger Kunstmuseum an, 1997 der Bremer Kunsthalle.Die Berlinische Galerie wird anschließend noch mindestens ein Jahr lang durch Europa touren, ihre Botschaft in Grenoble, Valencia und Porto verbreiten.

Merkert hat die Bestände geschickt in Szene gesetzt.Den Auftakt bildet das raumfüllende Environment "The Art Show" von Ed und Nancy Kienholz (1963-1977).Ein programmatischer Auftakt insofern, als hier sofort das spezifische Sammlungsprofil der Berlinischen Galerie erkenntlich wird.Von Anfang an ging es nicht nur darum, lokale Künstler zu sammeln, sondern auch die von außerhalb gekommenen zu berücksichtigen, die, die die Kunststadt Berlin in diesem Jahrhundert erst zum Schmelztiegel der Künste machten.In diesem Blick auf den internationalen Kontext des Berliner Geschehens liegt die Bedeutung der Sammlung.Naturgemäß gelingt dies vor allem für die Zeit vor 1933, als die Stadt beispiellose Anziehungskraft besaß.Herausragend besonders der Bereich mit den russischen Künstlern Lissitzky, Puni, Gabo, Tatlin, Rodtschenko, außerdem natürlich die Dada-Abteilung, auch dies ja keine Berliner Erfindung, sondern eine 1916 in Zürich entstandene Bewegung.Mit dem Erwerb der Nachlässe von Hannah Höch und Raoul Hausmann, ergänzt um einzelne Schlüsselwerke aus der Sammlung des Berliner Kunsthändlers Florian Karsch, präsentiert sich das "Landesmuseum" hier auf höchstem internationalen Niveau.

Apropos Florian Karsch: An seinem Beispiel wird deutlich, wie das Museum, das über keinen eigenen Ankaufsetat verfügt, immer wieder zu großartigen Kunstwerken gelangte: nämlich durch Stiftungen.Karsch, der der Berlinischen Galerie dem Wert nach die Hälfte seiner Sammlung im Todesfall vermachen will, hat in den vergangenen Monaten wiederholt mit der Rücknahme der Schenkung gedroht, falls die Verhandlungen um die Berlinische Galerie scheitern sollten.In Bonn sind es jetzt besonders Arbeiten der Brücke-Künstler, die, versehen mit dem schriftlichen Zusatz "Ausgewählt für die Schenkung Karsch / Nierendorf", die Aufmerksamkeit auf diese Stiftung lenken.Den selbstgestellten Sammlungsauftrag kann das Museum in diesem Bereich nämlich nur durch Schenkungen erfüllen.Kaufen darf es hier nichts, da der Brücke-Expressionismus in den Zuständigkeitsbereich des Brücke-Museums fällt.

Was vor 20 Jahren vielen illusorisch erschien, ist längst Wirklichkeit: Die Berlinische Galerie, und das ist vor allem auch dem Vertrauen zahlreicher Privatsammler und Nachlässe zu verdanken, stellt sich nicht nur als überaus bedeutende, sondern auch als eine der spannendsten und lebendigsten Berliner Sammlungen dar.Gerade deswegen, weil sie neben der Vertikale auch die Horizontale zu ihrem Recht kommen läßt.Diese unverwechselbare Mischung aus stolzem Anspruch und gleichzeitiger Bescheidenheit hat Eberhard Roters bereits 1987 auf seine Weise zum Ausdruck gebracht: "Die Berlinische Galerie verhält sich zur Nationalgalerie wie der Harz zu den Alpen.Aber unseren Brocken haben wir auch."

Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, bis 10.Januar.Katalog 49 DM.

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