Kultur : Botschaftsgebäude: Freunde in der Not

Kai Müller

Ein trauriger Anblick: Die verstaubten Gardinen sind zugezogen, die Jalousien heruntergelassen. In den Gärten wuchert Gestrüpp und an rostigen Fahnenstangen flattern ausgefranste Flaggen. Eine ist rot-blau-rot und mit einem rätselhaften goldenen Emblem verziert. Mongolei. Eine andere trägt goldene Ölzweige auf rotem Grund. Eritrea. Nebenan weht ein blau-gelb-rotes Tuch mit einem Adlerwappen. Republik Moldau, bekannt als Moldawien. Auf dem Balkon stehen zwei Mitarbeiter der Botschaft, rauchen und blicken auf ihre mongolischen Nachbarn hinab, die mit Einkaufstaschen das Haus verlassen. Eine Kleinbürgeridylle mit Reihenhausambiente.

Nichts erinnert in dem Karree zwischen Gotlandstraße und Stavangerstraße in Pankow an die Betriebsamkeit internationaler Regierungsgeschäfte. In den zwei Dutzend "Würfelbauten", die alle in demselben quadratischen Lego-Format errichtet wurden, haben vor allem kapitalschwache Länder ihre diplomatischen Niederlassungen untergebracht. Da sie für die bundesdeutsche Außenpolitik kaum Bedeutung haben, sich als Handelspartner nicht anbieten, und auch keine militärischen Allianzen eingehen würden, führen sie hier ein Schattendasein.

Die würfelförmigen, im Einheitsmaß errichteten Normhäuser stammen aus DDR-Zeiten. Das Viertel wurde bereits 1968 konzipiert, lange bevor der sozialistische Teilstaat offiziell anerkannt wurde. Architekt war Eckart Schmidt vom Kombinat IHB (Ingenieurhochbau), der zwei gegeneinander versetzte dreigeschossige Riegel um ein verglastes Treppenhaus gruppierte. Nach 1973 wurden die Gebäude von Ländern wie Iran, Laos, Algerien, Brasilien oder der Schweiz bezogen. Deren Mitarbeiter dürften sich ziemlich kaserniert vorgekommen sein in diesem Areal, das von großen Wohnblocks gegen den Lärm der Durchgangsstraßen abgeschirmt wird. Heute stehen die vom Bundesvermögensamt verwalteten Klötze überwiegend leer und verfallen. Oder sie sind an Ärzte und Handelsfirmen verkauft worden.

Zwischen der kubanischen und der kap-verdischen Botschaft ist Eritrea eingezogen. Parkettfußboden, weiße Wände, an denen Poster aus der Heimat hängen, im Vorzimmer des Botschafters schwere afrikanische Ledermöbel. Bis vor kurzem sah das noch anders aus: Muffige Tapeten und übereinander liegende Teppichschichten zeugten von sozialistischer Hamsterwirtschaft. Für ein armes Land wie Eritrea, das erst seit acht Jahren unabhängig ist, stellt dieses Haus eine gewaltige Anstrengung dar. Doch Deutschland zählt zu den wichtigsten Partnern des durch einen 30-jährigen Bürgerkrieg ruinierten Landes.

Botschafter Gebreslassie findet für die humanitären Hilfsleistungen deutscher Organisationen die schöne Formulierung: "A friend in need is a friend indeed." Zwischen 15 000 und 20 000 Eritreer, die als Kriegsflüchtlinge ins Land kamen, sollen hier leben, "das allein ist ein Grund, warum wir schon sehr früh eine Botschaft in Deutschland eröffneten", sagt Gebreslassie. Der ehemalige Lehrer war selbst ein Krieger, Mitglied der Eritreischen Volksbefreiungsfront, bevor er Politiker wurde. Auf einem Sims steht ein Bild, das den in weiße Leinengewänder gewickelten Mann neben dem Bundespräsidenten zeigt. Doch für gewöhnlich trägt er westliche Kleidung und schwärmt: "Jeder kümmert sich hier um seine eigenen Angelegenheiten", lobt er die Deutschen, "man arbeitet hart und respektiert die Rechtsordnung." Unverholen schwingt in dieser Begeisterung für die "Symbole eines zivilisierten Lebens" auch der Wunsch mit, dass sein von Übergangsorganen verwaltetes Wüstenlandbald einer gesicherten Zukunft entgegengeht.

Einige der sozialistischen Bruderstaaten, die sich früher in dem Pankower Botschaftsviertel niedergelassen hatten, haben sich aufgelöst. Lediglich die kubanische Botschaft ist noch da. Sie erweitert ihr Gelände um einen südländisch verschachtelten Wohntrakt und hat einen neuen Zaum um das Grundstück errichtet. Der ist jetzt doppelt so hoch wie der alte. So als wollten sich die letzten Sozialisten auf die neuen Verhältnisse vorbereiten. Wer weiß, was der Botschafter Eritreas denkt, wenn er aus seinem Fenster auf das bewehrte Nachbargrundstück blickt: Es waren kubanische Truppen, mit deren Hilfe Äthiopien einst gegen eritreische Rebellen wie ihn vorging.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben