Kultur : Bowling for Erfurt

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Christiane Peitz über Amokläufer

und Krieg im Fernsehen

Was haben wir nicht alles diskutiert, vor einem Jahr, als der Schüler Robert Steinhäuser am 26. April im Erfurter GutenbergGymnasium 16 Menschen tötete und sich selbst. Man stritt sich über Jugend und Wut, Ohnmacht und Selbstermächtigung, Ruhmsucht und Reality Show, Leistungsdruck und Computerspiele, Terror und Pop, die Amerikanisierung der Gewalt und die Privatisierung des Krieges. Amokläufer sind Selbstmordattentäter: Diese Diagnose provozierte Debatten über das Wesen des Bösen wie über die Globalisierung der Angst. Im gleichen Atemzug versprachen die Fernsehgewaltigen mehr freiwillige Selbstkontrolle, die Pädagogen forderten eine bessere Medienerziehung, und der Rest der Gesellschaft begegnete der Jugend so aufmerksam wie selten zu vor. Peter Sloterdijk machte sich kluge Gedanken über die Omnipotenz der Bilder.

Die Gewalt, die Bilder, die Medien. Während vor wenigen Wochen ein verschärftes Jugendschutzgesetz in Kraft trat (siehe S. 30) , wurden wieder viele kluge Worte gewechselt, diesmal allerdings aus Anlass des Irak-Kriegs und der dort „eingebetteten“ Journalisten. Ausführlich rezensierten die Medien den „Krieg der Bilder“ und hinterfragten kritisch die „Reality-Show“ mit Handkamera in der Wüste. Von Propaganda und Zensur, vom Echtzeitkrieg und vom KriegsVideospiel namens Irak; ebenso ging es um die Repolitisierung des Pop im Streit zwischen Bellizisten und Pazifisten – spätestens in der Nacht der Oscar-Verleihung.

Wie sich die Debatten gleichen. Und wie getrennt sie doch voneinander geführt werden, obwohl sie sich spiegelbildlich aufeinander beziehen. Die mediale Aufbereitung der Irak-Invasion war die Inszenierung eines realen Gewaltakts; beim Amoklauf von Erfurt handelte es sich umgekehrt um eine realisierte Inszenierung, eine drastisch in die Tat umgesetzte Rachefantasie. Apropos Fantasie. Nach wie vor hat Jugendgewalt eine ihrer Ursachen in jenem Phänomen, das man „disaffected“ nennt: in der Fühllosigkeit gegenüber den realen Folgen des eigenen Handelns. Diese Taubheit werde von der aktuellen Allgegenwart der Bilder befördert.

Der Irak-Krieg war anders als der aseptische TV-Krieg der „Operation Wüstensturm“ von 1991 ein schmutziger Krieg, auch in den Medien. Und vom ersten Tag an begleitete die Berichterstattung das Misstrauen in die Glaubwürdigkeit der Bilder. „Disaffected“ waren wir Zuschauer nicht; die nach dem Trauma von Erfurt eingeklagte Medienkompetenz als die Fähigkeit, die Wirklichkeit von der Fiktion zu unterscheiden, besitzen wir durchaus. Misstrauen allein genügt vielleicht nicht – Michael Moore hat in seinem Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ ja nicht nur den Amoklauf von Littleton hinterfragt, sondern auch dieses Misstrauen. Denn hinter der kollektiven wie der individuellen Gewalt verbirgt sich immer grausige Realität. Etwas, das fremd bleibt, vor dem unsere Medienkompetenz versagen muss. Bilder sind eine Methode, die Welt unter Kontrolle zu bringen. Wirklichkeiten wie die von Erfurt entziehen sich ihr.

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