Kultur : "Boyi Kala / Willkommen Braut": Im Schoß der Orthodoxie

Clemens Wergin

Sie sind die Helden der Kinderwagen. Und so kurven sie wie Rennfahrer der Familienplanung mit den kleinen Buggys immer um die Mikweh, das rituelle Tauchbad, herum. Sogar das Windelwechseln wird zur Kommandoaktion. Denn bei durchschnittlich mehr als sieben Kindern pro Familie muss man sich schon ranhalten, wenn noch Zeit zum Thorastudium bleiben soll.

Was das Theaterzentrum Acco in "Boyi Kala / Willkommen Braut" auf die Bühne bringt, ist mehr als ein Theaterstück über orthodoxe Juden. Und beileibe keine Parodie. Was in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters dem Publikum präsentiert wird, ist eine Selbstentblößung. Denn es sind religiöse Juden, die hier ihre eigenen Konflikte beschreiben, das Leben in einer Gemeinde, die genauso Geborgenheit bietet, wie sie zum Gefängnis werden kann. Denn eine orthodoxe Gemeinschaft ist wie ein Organismus: Der Neugeborene fällt aus der durchsichtigen Gebärmutter gleich in die Mikwe, aus dem Schoß der Mutter in den Schoß der Gemeinschaft. Eine große Familie, zusammengehalten von den gemeinsamen Ritualen, den festen Formen und ausgelassenen Festen. Welche Kraft in den gesungenen Gebeten liegt, spürt man hier. Eine Kraft, die sich aus einer uralten Tradition speist. Aus Psalmen und Gesängen, die die Jahrhunderte überdauerten. "Ehe ich noch gebildet ward, war ich ein Nichts, und nun, ins Sein getreten, bin ich, als wär ich nichts", singen sie. Und daher ist es das Kollektiv, das Stärke verleiht und Verortung in der Welt.

Zwei Jahre haben die Dramaturgen des Acco-Theaters mit den orthodoxen Schauspielern gearbeitet, bis sie die Geschichten und Konflikte, die die gläubigen Juden aus ihren Milieus erzählen wollten, in eine bühnenreife Fassung gebracht haben. Es hat sich gelohnt. Denn wenn hier das Leben von der Geburt über die Beschneidung, die Bar Mizwa bis zu Heirat und Tod erzählt wird, verkommt die Handlung weder zu folkloristischem Voyeurismus noch zum distanzierenden Stereotyp. Es sind die Konflikte, die Reibungen und Spannungen, die das vorgefertigte Bild vom selbstgerechten Orthodoxen unterlaufen.

Denn schon nach der Geburt, mit Beschneidung und Namensgebung, greift die Gemeinschaft in das Leben ein: Gil, Freude, soll der Kleine heißen, nicht den Namen des Großvaters erhalten, "einen Namen, wie er auf den Fotos steht". Denn: "Ich kann einem solchen Namen nicht die Windeln wechseln." Schlimmer als der Name ist nur Gils Homosexualität, die den Jugendlichen als Außenseiter brandmarkt. Der Organismus droht, den Fremdkörper abzustossen. Tratsch und Missgunst machen das Leben zur Hölle. Schonungslos entlarven die Schauspieler auch die Vorurteile gegenüber der Außenwelt, den Rassismus gegenüber Arabern, Schwarzen.

Wenn die Männer sich an den Schultern fassen und ausgelassen zu chassidischen Melodien im Kreis tanzen, glaubt man sich in einem Jugendcamp. Und tatsächlich hat diese Welt etwas Männerbündisches, Frauen gibt es hier nicht. Nur eine riesige Puppe - nicht mehr als ein aufgehängtes Brautkleid - kündet vom anderen Geschlecht. Gil macht derweil eine Odyssee von Abstossung und Anziehung durch. Es liegt in der Natur von festgefügten Ordnungen, dass nur der ihren Zwangscharakter empfindet, der nicht hineinpasst. Geplagt von den ehemaligen Freunden und dem Spott aller ausgesetzt, kommt sein "Ich will, ich will" einer geistigen Selbstermächtigung gleich. Das Individuum besteht auf seiner Eigenheit, seiner Differenz. Und will sich doch nicht lösen. Die orthodoxen Juden auf der Bühne erzählen keine Befreiungsgeschichte. Sie werden nach der Vorstellung in ihre Talmudakademien zurückkehren. Doch eins wollen sie zeigen: Auch wir werden von Zweifeln geplagt. Auch eine scheinbar festgefügte Welt muss jeden Tag wieder neu erbaut werden.

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