Kultur : Brand im Gotthard: "Es bleiben fünf Minuten Zeit"

Paul Kreiner

Bei Bränden im Tunnel haben Autofahrer eine gute Überlebenschance - aber nur dann, wenn sie ohne jegliches Zögern sofort fliehen: die Röhre entlang. Sich in Nischen zu verkriechen, sei zu gefährlich, sagt Hermann Knoflacher, Professor für Verkehrsplanung an der Technischen Universität Wien und Leiter der österreichischen Tunnel-Sicherheitskommission. Wegen des engen Raums in der Röhre stiegen bei einem Feuer die Temperaturen blitzschnell auf mehr als tausend Grad, die ohnehin knappe Luft reichere sich am Unfallort schlagartig mit tödlichen Rauchgasen an. All das passiere innerhalb von drei bis höchstens fünf Minuten: "In der Zeit schafft es keine Feuerwehr, zum Brand vorzudringen."

Knoflacher gilt als exzellenter Verkehrsexperte, allerdings auch als ein unbequemer Querdenker, der sich gerne mit den Autofahrerklubs und der Baulobby anlegt. Er sagt, nicht in den Tunnels als solchen liege das Risiko. Drinnen passierten weniger Unfälle als draußen. Gerade vor den langen Tunnels in den Alpen müsse man am wenigsten Angst haben. Weil sich nämlich die Augen oft nicht schnell genug auf das Dunkel umstellen, passieren die meisten Unfälle in den Eingangsbereichen der Röhren. Demnach haben kürzere Tunnels, die ja praktisch nur aus solchen Eingangszonen bestehen, eine höhere Unfallrate als lange.

Insgesamt aber bilanziert Knoflacher: "Die meisten Menschen, die im Tunnel umgekommen sind, haben sich falsch verhalten." Leidenschaftlich kämpft der Hochschullehrer gegen die Forderungen, alle Tunnels zweiröhrig zu führen.

Statistiken legt er vor, nach denen in Doppelröhren das Unfallrisiko sogar größer ist: "Höhere Geschwindigkeit, fehlender Gegenverkehr, die Illusion von mehr Platz also verleiten die Leute zu Sorglosigkeit." Und wenn es auch nicht - wie jetzt im Gotthard-Tunnel - zu Frontalkollisionen kommen könne, "dann gibt es eben die Auffahrunfälle". Der Unfall im österreichischen Tauerntunnel etwa, bei dem im Mai 1999 zwölf Menschen starben, war ein solcher.

Dabei lässt sich auch in den Tunnels eine Menge verbessern. Die Sicherheitskommission unter Knoflacher hat alle österreichischen Tunnels unter die Lupe genommen und schlägt nunmehr beispielsweise vor, die Mittel- und Randstreifen auffälliger zu markieren und sie als eine Art Rumpelbelag auszuführen, der Geräusche erzeugt, wenn ein Auto drüberfährt und sich damit praktisch auf das Terrain des Gegenverkehrs bewegt. Das Sirren soll auch Autofahrer aus dem "Sekundenschlaf" wecken. Ferner sollen die Tunnelwände hell gestrichen - und häufiger als bisher gesäubert werden. Zusammen mit verbesserter Beleuchtung soll dadurch mehr Licht in den Tunnel kommen.

Für dringend notwendig hält die Kommission auch bessere Lüftungsanlagen. Knoflacher sagt, es müsste gelingen, Rauchgase möglichst direkt an Ort und Stelle abzusaugen, damit der übrige Tunnel von ihnen verschont bleibe. Der Brand im Gotthard-Tunnel gibt ihm allerdings zu denken: "Wenn dort tatsächlich 300 Meter Decke eingestürzt sind, dann ist das ein neues Phänomen. Dies deutet darauf hin, dass ein gefährliches Benzin-Gas-Luft-Gemisch in das Abluftsystem gezogen wurde und dort explodiert ist." Knoflacher ist überzeugt, dass sich noch andere Überraschungen einstellen könnten: "Wir haben mit Tunnels erst eine Erfahrung von 50 Jahren. Und das ist eindeutig zu kurz."

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