Brandenburg : Reißt ab, wo noch ein Denkmal steht

Wahrzeichen ohne Zukunft: Die brandenburgische Regierung lässt das kulturelle Erbe ihres Landes ausbluten.

Jürgen Tietz
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Gedenken an die Befreiungskriege. Pyramide bei Großbeeren. -Foto: akg-images /H. Kraft

Die Backen dick aufgeblasen, als wollten sie gleich fröhlich lospfeifen, so schauen die Putten von der Fassade des kleinen Wohnhauses an der Dorfaue auf das Wahrzeichen von Großbeeren im Landkreis Teltow/Fläming: den Gedenkturm für die Schlacht in den Befreiungskriegen 1813. Doch viel Zeit wird ihnen dafür nicht mehr bleiben, denn die brandenburgische Kulturministerin Martina Münch (SPD) hat das rund hundert Jahre alte Haus zum Abriss freigegeben.

Damit stellt sie sich gegen das fachliche Urteil des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLDAM). An die Stelle des Baudenkmals soll ein weiterer Einkaufsmarkt treten. Dabei lässt sich gerade in Großbeeren gut erkennen, welche verheerenden Auswirkungen der Verlust jedes einzelnen historischen Bauwerks auf die geschlossene Gesamtwirkung der brandenburger Dorfensembles besitzt. Da die Denkmalpflege auch den wirtschaftlichen Belangen der Denkmalseigentümer Rechnung tragen muss, hatte sich das BLDAM im Fall Großbeeren auf einen Kompromiss eingelassen: Um eine tragfähige Nutzung des Grundstücks zu ermöglichen und dennoch das gewachsene Ortsbild zu bewahren, gaben sie die ebenfalls geschützten Hofgebäude zum Abbruch frei.

Doch jetzt soll auf ministerielle Entscheidung auch das Wohnhaus folgen – und das, obwohl ein unabhängiges Gutachten der „Brandenburgische Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung“ aufzeigt, dass die Erhaltung des Denkmals wirtschaftlich zumutbare gewesen wäre.

Münchs Abriss-Entscheidung besitzt Signalwirkung für die Brandenburger Denkmale, denn sie ist kein Einzelfall. In Bad Liebenwerda (Landkreis Elbe/Elster) hat sie – ebenfalls gegen das Votum der Denkmalpfleger – dem Abriss der ehemaligen Brikettfabrik zugestimmt, einem charakteristischen Industriebau vom Ende des 19. Jahrhunderts. Auch dort ist ein weiterer Einkaufsmarkt geplant, samt Stellplätzen. Unter Münch kommen auf die Brandenburger Denkmale schwere Zeiten zu. Zwar erhält das BLDAM in diesem Jahr rund eine Million Euro aus dem Landeshaushalt, mit denen die Bundesmittel für die „national wertvollen Denkmale“ des Landes gegenfinanziert werden. Doch die vermeintlich kleinen Denkmale im Land gehen leer aus.

Für die „konzertierte Denkmalhilfe“, die in den letzten Jahren jeweils rund 300 000 Euro betragen hatte, fehlt im aktuellen Haushalt das Geld. Geld, mit dem in der Vergangenheit kleine Reparaturmaßnahmen an Dächern, Wänden oder Fenstern gefördert wurden, um so das Überleben der Denkmallandschaft insgesamt sicherzustellen.

Doch während manch bedrohtem Denkmal aufgrund des Geldmangels das endgültige Aus droht, hat Münch entschieden, zwei Millionen Euro aus den „Mitteln der Parteien und Massenorganisationen der DDR“ für die Rekonstruktion der Potsdamer Garnisonkirche zur Verfügung zu stellen. Auch dies eine Entscheidung mit Signalwirkung, die sich in die aktuelle Entwicklung im Umgang mit Denkmalpflege in Deutschland einfügt: Während öffentlichkeitswirksame und tourismusträchtige Prestigeprojekte wie die Welterbestätten oder Rekonstruktionen verlorener Denkmale mit Millionenbeträgen öffentlich gefördert werden, bleiben vermeintlich weniger prominente Denkmale immer öfter sich selbst überlassen.

Dabei sind es gerade diese Scheunen und Gutshäuser, die Kirchen und Fabriken, die den besonderen Reiz der Ortsbilder ausmachen und zur Vielfalt der gewachsenen Denkmallandschaft beitragen. So engagiert sich auch im Land Brandenburg eine wachsende Zahl von Fördervereinen für ihr Denkmal vor Ort und trägt mit großem persönlichem Einsatz dazu bei, Zeugnisse der regionalen Geschichte und damit ein Stück Heimat zu bewahren. Doch ohne ein Mindestmaß an finanzieller Förderung vermögen sie wenig auszurichten. Insofern erweisen sich die Abrissentscheidungen in Großbeeren und Bad Liebenwerda als fatale Weichenstellung, die dazu beiträgt, das Ausbluten des kulturellen Erbes in Brandenburg zu beschleunigen.

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