Kultur : Brandenburger Tor: Ein Streitfall

Michael Zajonz

"Habt euch lieb", rät die Deutsche Telekom derzeit allen, die das Brandenburger Tor sehen wollen und statt dessen vor einer bedruckten Plastikhülle stehen. Seit 10 Monaten wird das symbolträchtigste aller Berliner Wahrzeichen im Auftrag einer privaten Stiftung restauriert. Die Telekom als Exklusiv-Sponsor darf die Stadt mit wechselnden Kalendersprüchen versorgen. Dafür kassiert die Stiftung Denkmalschutz Berlin monatlich 350 000 Mark, die vollständig in die Restaurierung fließen. Wäre es nicht schon zu spät, müsste man den infantilen Slogan auch den Akteuren und Kritikern des bislang mit 4,9 Millionen Mark veranschlagten Projektes ans Herz legen. Denn das Treiben unter der Plane ist ins Gerede gekommen.

Von konzeptionslosen Säuberungsversuchen, Folgekosten in Millionenhöhe und Amigo-Praktiken bei der Auftragsvergabe will der "Spiegel" erfahren haben. Kritik regte sich von Anfang an. Der Schweinfurter Fassaden-Sanierer Stefan Maar etwa hatte behauptet, mit der eingesetzten Lasertechnik wesentlich schneller arbeiten zu können. Andererseits: Eine Restaurierung unter Zeitdruck, wie sie durch die Senatsfrist von 16 Monaten ohnehin entstanden war, ist noch keinem Baudenkmal bekommen.

Die Denkmalstiftung - für die Dauer der Arbeiten nominell Eigentümer des Bauwerks - nimmt ihre Rechenschaftspflicht durchaus ernst, wie im Landesdenkmalamt bestätigt wird. Auch Strieders Sprecherin Petra Reetz betont: "Kein Baudenkmal ist bislang so gründlich dokumentiert worden." Vor diesem Hintergrund ist umso unverständlicher, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung sich in nicht nachvollziehbare Heimlichkeit flüchtet. Angeboten zum fachlichen Austausch aus den Berliner Universitäten begegnete man bislang reserviert; Anfragen von Journalisten nimmt Geschäftsführer Helmut Engel nur noch schriftlich entgegen. Die Rolle der Diva unter Deutschlands Denkmalpflegern steht dem einstigen Berliner Landeskonservator schlecht.

Auf heftigen Widerspruch stieß die Direktvergabe des Auftrags an Michael Pausebacks 1999 gegründete Restaurierungsfirma Caro. Der promovierte Kunsthistoriker ist zwar ein Neuling im Geschäft. Doch mit dem Steinrestaurator Stefan Grell hat sich der ehemalige Galerist, Ausstellungsmacher und Verleger, einen jungen, mit der Lasertechnik vertrauten Fachmann aufs Gerüst geholt. Ein Blick unter die Plane, den übrigens für Interessierte auch der Museumspädagogische Dienst vermittelt, zeigt: An der Qualität der bisher geleisteten Arbeit wird sich grundsätzliche Kritik kaum entzünden lassen.

Das "Ziel einer musterhaften denkmalpflegerischen Sanierung" beinhaltet vorbildliche Baustellenlogistik (Büros und Materiallager verbergen sich vollständig hinter der Plane) ebenso wie das aufwendige 3D-gestützte Aufmaß und die differenzierte Beurteilung früherer Reparaturen des mit Sandsteinen verschiedenster Qualität gebauten und geflickten Tores. Die statische Hilfskonstruktion unterhalb der Quadriga soll nun nicht aus Stahl, sondern aus Holz gebaut werden. Die Schadensanalyse des Gefüges ergab, dass statt ursprünglich geplanter 450 nun 1080 Sandsteinvierungen ersetzt werden müssen.

Pauseback und Grell betonen übereinstimmend, dass man im Zeitplan liegt. Doch aufgrund des gestiegenen Arbeitsumfangs erwägt die Bauverwaltung eine Verlängerung der Bauzeit auf insgesamt 22 Monate. Dann ließe sich auch die umstrittene Frage lösen, ob und wie das Tor angestrichen werden soll. 1791 war es irgendwie weiß, um teuren Carrara-Marmor vorzutäuschen. Doch wie Langhans es den Berlinern hinterlassen hatte, wird es nicht mehr aussehen können. Noch 1986 wurde der historische Putz ohne vorherige Farbuntersuchung abgeschlagen. Und der beim Wiederaufbau in den fünfziger Jahren auf dem Sandstein angebrachte Scharrierhieb veränderte zudem die Oberflächentextur völlig.

In die Frage, ob Naturstein oder Anstrich, spielen Überlegungen hinein, wie das Tor künftig optimal zu schützen ist. Johannes Cramer, Professor für Baugeschichte an der Technischen Universität Berlin, plädiert für eine öffentliche Diskussion unter Fachkollegen. Anfang September wird es am Schinkelzentrum der TU ein Kolloquium zur Steinkonservierung geben, an dem auch die Denkmalstiftung Interesse zeigt. Das lässt hoffen. Es muss ja nicht immer Liebe sein.

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