Brandenburger Tor : Stille Tage, Stille Nacht

Wie man den Hektiker in sich ausbremst und den Weltfrieden anbahnt: ein Besuch im Raum der Stille am Brandenburger Tor.

Thomas Lackmann
315677_0_8384fd32.jpg
Sparen für die Seele. Wandteppich mit Punktstrahler, graue Polster, Schieferboden. Der Raum der Stille wurde 1996 eingerichtet,...Foto: dpa

Sie drehen alle durch. In ganz Berlin soll es keine Gans mehr geben. Das Jahr war bescheiden, die Kartenhäuser der Spekulation krachen immer noch zusammen. Gestrichene Flüge, späte Züge, eisige Straßen: Die Zeit wird knapp, die Gereiztheit wächst. Alle drehen auf. Es hupt auf der Straße und im Kopf. Das Handy vibriert. Der Puls klopft. Vor dem Brandenburger Tor droht ein gigantischer Weihnachtsbaum. Rundum Touristen, FotoPosing, Sightseeing-Busse.

Im Seitentrakt des berühmten Bauwerks, das als „Tor der Deutschen“ vor zwanzig Jahren für Passanten aus Ost und West endlich wieder freigegeben wurde, soll eine Zuflucht existieren. Ein Raum der Stille: als Wohlfühl-Versprechen für den Absprung aus dem Laufrad der Fest-Fetischisten. Als Beruhigungszelle für die angeblich stillste Zeit des Jahres. Und für Weihnachtsgläubige vielleicht: das Entrée ins allerstillste Zentrum ihres Mysteriums.

Der Reporter indes nähert sich der lärmfreien Zone skeptisch. Es gibt schließlich auch die Maulkorbstille, Oropaxstille, Friedhofsstille.

Hinter der Eingangstür steht auf einer dunkelblauen Tafel in Deutsch, Englisch, Hebräisch, Griechisch, Chinesisch, Koreanisch, Persisch und Arabisch „Stille“ oder „Schweigen“. Außerdem: der Schriftenständer mit Infos in 48 Sprachen, die Aufsicht am Spendentisch, eine ToleranzCollage von Berliner Schülern, die Kinder bunter Hautfarben zeigt, das hellblaue, 47-sprachige Plakat „Frieden“ und im Vestibül das Relief einer „Pssst“Maske über dem Brandenburger Tor.

Der Boden besteht aus schwarzen Schieferplatten, hier und da fällt Tageslicht durch die beigefarbenen Vorhänge. Graue Hocker, Stühle, Polster. Indirekte Beleuchtung. Ein Wandteppich aus braunen Wülsten, auf dessen hellbraungelbe Mitte ein Strahler gerichtet ist, eine Fantasie wie aus Borken und Rastalocken. Am Boden liegt ein dicker Stein, der sich zuspitzt wie ein Berg. Das Design hat die Anmutung eines sparsamen Bestattungsinstituts, ohne Blumen.

Fernes Rauschen. Autobrummen. Manchmal trampeln im ersten Stock Wachleute, die aufs Tor aufpassen. Der Raum der Stille darunter gehörte früher den DDR-Grenzsoldaten. Manchmal trampeln Leute an der Außentür – pum, pum, pum – den Schnee ab. Stille tickt. Dann kommen sie, einzeln. Meist zu zweit. Zu dritt, zu fünft. Viele Touristen tragen Turnschuhe, Kamera, Rucksack. Sie schälen sich aus den Mützen, das Rascheln der Kleidung oder der Einkaufstüten erhält im Stillen Bedeutung. Sie lesen das Infoblatt, verweilen zwei bis fünf Minuten, starren zur Wand. Manchmal bleibt einer von zweien länger. Dann ist irgendwas passiert. Selten sind Kinder dabei. Sie kommen, als gelte es was abzuhaken. Manchmal kehren Schreckhafte noch an der Glastür wieder um.

Einmal kommen zwei Besucher mit Kaffeebechern. Da donnert eine Stimme vom Himmel: Dies ist kein Raum der Stulle! Niemand hört es, nur der Reporter. Einmal surrt ein Handy, gefolgt von einem Klingelgong, einmal lässt eine Frau im Abgang ihren Muff fallen. Der Reporter hebt ihn auf, die Frau dreht sich hinter der Glastür um, fängt den Muff auf.

Wieso bedeutet Stille eigentlich Frieden? Wer lange schweigt, kommt auf die jüngste Wut im Bauch zurück. Man führt Fantasiedialoge, hält stumme Plädoyers. Die Wut hallt nach, die Plädoyers verebben: Der Weltfrieden ist, soweit sich kein Magengeschwür einstellt, eine Frage der Zeit. Andererseits fordert ein Besucherbuch-Eintrag: „Wir sollten beten und aus der Vergangenheit lernen – niemals all das vergessen, was hier und rund um die Welt schon geschehen ist.“ Wo nichts vergessen werden darf, ist die Stille nach dem Sturm zum Verrücktwerden.

Die Gedanken flattern, die Lider werden schwer, diese Stille ist: nichts. Da wird kein Inhalt, keine Konfession vorgegeben. Kälte kriecht die Beine hoch, trotz Mantel und zwei Schals.

Das Faltblatt zitiert ein Friedensgebet der Uno: „Herr, unsre Erde ist nur ein kleines Gestirn im Weltall.“ Auf Historisches wird verwiesen, auf die vom Tor-Erbauer Carl Gotthard Langhans geplante Statue des Friedens, die Schadow, den Künstler der Quadriga, inspirierte. Dessen Siegesgöttin führt den Triumph der Friedensgöttin an; an der Seitenhalle steckt Mars das Schwert in die Scheide. Doch die Quadriga wird geraubt! Kehrt aber zurück nach Berlin.

Der Reporter blinzelt. Ein Fackelzug der Braunhemden marschiert durchs Tor. Aus dem Weltall sieht es so zart aus, ein Kleinod zwischen Barrikaden. „Macht das Tor auf!“ rufen die Leute. Die Mauer fällt, ein Ostwest-Laufsteg geht hindurch, für Models der ersten Mercedes Fashion Week. „Wahnsinn“, rufen die Leute. Würstchenbuden und Verstärkertürme kreisen das Remmidemmi-Hullygully-Tor ein. Megamonitore, Werbewände, Tribünen stapeln sich rundum. Die Säulen sind nicht mehr zu sehen, zwischen Absperrungen, Losverkäufern, Hells-Angels-Ordnern. „Wahnsinn“, keucht jetzt auch der Reporter ...

Kuschelig ist es nicht, hier aufzuwachen. Die Schirmherrin des Raums, Hanna-Renate Laurien, schreibt in der Broschüre des Förderkreises, das „Sich-Erfahren“ vollziehe sich nur in der Stille. „Da lerne ich, mich selbst auszuhalten … Weil die Minute vergänglich ist, ist sie kostbar und wird zugleich relativiert.“ Das gilt auch für ein Nickerchen. Hilfreich ist es gleichwohl, sich zur Lektüre poetische Kommentare mitzubringen, die den Kampf zwischen Konzentration und Verdrängung reflektieren.

Zum Beispiel das düstere Gedicht „Reklame“ von Ingeborg Bachmann: „wohin aber gehen wir / ohne sorge sei ohne sorge / wenn es dunkel und wenn es kalt wird / sei ohne sorge / aber / mit musik / was sollen wir tun …“. Ein Wechselbad, zwischen Bedröhnung und Existenzfrage, bis zum Showdown: „was aber geschieht / am besten / wenn Totenstille / eintritt.“ Optimistischer formuliert eine Nonne des 16. Jahrhunderts ihre Verse über alles und nichts. Mystik-Experten behaupten, beim inneren Schweigen werde auf der Landebahn des „Nichts“ das göttliche „Alles“ erst möglich. Bei Teresa von Avila klingt das so: „Nichts verwirre dich / nichts erschrecke dich / alles vergeht / Gott ändert sich nicht. / Die Geduld erreicht alles / Wer Gott besitzt, dem mangelt nichts / Gott allein genügt.“ Solche Lyrik bremst den Weihnachtskonsum, hebt aber die Laune.

Die ehrenamtliche Dame im Vorraum ist seit sechs Jahren Mitglied des interreligiösen Förderkreises; den Raum, von 11 bis 16 Uhr geöffnet, gibt es seit 1994. Einmal sei einer da gewesen, den DDRGrenzer 24 Stunden in diesem Zimmer am Tor festgehalten hatten, erzählt die Frau. Auch von Reisenden, deren Gästebucheintrag erkennen lässt, dass sie hier an von den Nazis ermordete Verwandte denken müssen. Oder von jenem Jüngling, der weinend am Boden kniete. Früher, sagt die Dame, habe sie bei Klosteraufenthalten intensive Erfahrungen mit dem Schweigen gemacht. Hier irritierte sie zunächst, dass die meisten nur kurz zum Gucken reinschneien. „Inzwischen sehe ich das lockerer.“

Beim Hinausgehen stoppt der Reporter an einem ausgehöhlten Baumstamm, in dem eiergroße Kiesel liegen, die – sagt die Aufsicht – leider peu á peu heimlich mitgenommen werden. „Die Steine aus dem Schoße der Karyatiden werden die Hände besänftigen, während Gedanken auf Reise gehen im Raum der Stille,“ kommentiert das beiliegende Blatt. Karyatiden seien Gebälkträgerinnen in Eingangshäusern der Griechen. Diese Karyatide heißt den Gast willkommen mit der Gabe eines beruhigenden Kiesels, der „beim Loslassen von Alltagsgegenständen und Alltagsgedanken“ helfen könne. Der Reporter steckt ein Exemplar ein, das wie eine Miniatur des Findlings im Schweigeraum aussieht, sich aber anfühlt wie eine Mandarine. Ein Ritual, um alles etwas lockerer zu sehen. Er wird den Stein der Leisen später zurückbringen, denkt er. Vielleicht aber auch nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben