Brandenburgische Sommerkonzerte : Achterbahn

Landpartie mit Beethoven und Brahms: Igor Levit und das Deutsche Symphonie-Orchester in Doberlug-Kirchhain

Tomasz Kurianowicz
Der Pianist Igor Levit.
Der Pianist Igor Levit.Foto: Felix Broede

Während in Berlin das Gewitter droht, zwitschern in Doberlug-Kirchhain die Vögel im Sonnenlicht. Das ist auch gut so, denn das Brandenburgische Sommerkonzert im südlichsten Teil des Bundeslandes gilt als ein Höhepunkt des Festivals. Damit das ganze Deutsche Symphonie- Orchester Berlin Platz findet, haben die Veranstalter eine Bühne auf der Grünfläche des 1165 erbauten Zisterzienserklosters errichtet. Auf dem Programm steht Beethovens 5. Klavierkonzert. Kein Geringerer als der 1987 geborene Deutsch-Russe Igor Levit tritt auf. Als er das erste Mal in die Tasten schlägt, ahnt man: Das wird kein routinierter Beethoven-Abend.

Beethovens Klavierkonzert als Duell zwischen Mann und Orchester

Levit weiß sich durchzusetzen. Er zeigt durch aggressive Einsätze und selbstbewusste Läufe, dass er Beethovens Komposition wie einen Krimi liest. Dabei spielt er immer wieder den Ball zu DSO-Chef Tugan Sokhiev zurück, ohne sich in den Pausen mit stillem Herumsitzen zu begnügen. Bei großen Bass-Passagen schlägt Levit mit der Faust in den Klavierhocker, als ob er sich für die Herausforderung der Kontrabässe rächen wollte. Bei Piano-Passagen schmunzelt er verschmitzt; bei Forte-Durchbrüchen verzieht er verstört das Gesicht. So mutiert Beethovens Klavierkonzert zu einem Duell zwischen Mann und Orchester, wobei unklar bleibt, wer hier die Oberhand gewinnt. Denn Sokhiev passt auf, dass sich Levits Temperament auf den ganzen Klangapparat überträgt. Das Ergebnis ist ein in den Bann ziehendes Konzert, bei dem sich das Publikum mit Sommerhüten von den Stühlen reißen lässt.

Dramatisch auch der zweite Teil: Der DSO-Chef interpretiert Brahms’ 4. Sinfonie in aufwühlender Intensität. Der erste Satz scheint sich wie ein Donnern zu verbreiten. Dabei sind besonders die Streicher hervorzuheben, die Sokhievs Einladung, mit breitem Strich der Komposition die nötige Kernigkeit zu verleihen, freudig Folge leisten. Zwischenzeitlich wird das Orchester von starken Böen überrascht, Notenblätter wehen vom Pult. Sokhiev nimmt’s mit Humor. Es passt ja auch: Sein Brahms fühlt sich wie eine Achterbahnfahrt auf Speed an. Zwar fehlt bei derlei Dramatik mitunter das Steigerungspotenzial, aber das möchte man bei so viel fesselnder Energie gerne verzeihen.

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